Konjunkturbarometer
USA kommen schneller aus der Krise als Europa

Die USA werden nach Einschätzung der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) gemessen am Wirtschaftswachstum glimpflicher durch die Wirtschaftskrise kommen als der Euro-Raum. Das ist bemerkenswert, weil die USA der Ausgangspunkt der Krise waren und weil sich Volkswirte derzeit vermehrt Sorgen um die Nachhaltigkeit des dortigen Aufschwungs machen.
  • 0

FRANKFURT/PARIS. Nach den neuesten Wachstumsprognosen der OECD, welche die Industrieländerorganisation am Donnerstag vorlegte, wird die Wirtschaftsleistung der USA in diesem Jahr mit minus 2,5 Prozent deutlich weniger schrumpfen als die des Euro-Raums mit minus vier Prozent. Die USA würden diesen Rückgang schon 2010 wieder wettmachen und 2011 dann eine Wirtschaftleistung erzielen, die fast drei Prozent über der von 2008 liegt.

Europa hinkt hinterher

Dagegen reicht das erwartete schwache Wachstum in der Euro-Zone und in Deutschland in den beiden kommenden Jahren nur, um rund zwei Drittel des Rückgangs von 2009 wettzumachen. Gegenüber Juni hob die OECD ihre Wachstumsprognosen für 2010 deutlich an: für die USA um 1,6 Prozentpunkte auf 2,5 Prozent und für Europa um 0,9 Prozentpunkte auf 0,9 Prozent. Der zunehmende Optimismus wird gestützt vom Ifo-Weltwirtschaftsklimaindikator, der im vierten Quartal 2009 zum dritten Mal in Folge gestiegen ist.

Selbst die Volkswirte von Goldman Sachs, die derzeit mit skeptischen Analysen zur US-Wirtschaft von sich reden machen, sagen dieser für 2010 mit 2,1 Prozent ein Wirtschaftswachstum voraus, das nur von einigen Schwellenländern übertroffen wird. Europa trauen sie dagegen nur 1,2 Prozent zu. Doch für die mittlere Frist sind sie pessimistischer als die OECD. „Es wird deutlich, dass sich die USA inmitten eines größeren und schwierigeren Anpassungsprozesses befinden, als die meisten anderen großen Volkswirtschaften“, stellt Chefvolkswirt Jim O'Neill fest. Die US-Wirtschaft werde zunehmend von ihrem Immobilienüberhang und der stark steigenden Arbeitslosigkeit gebremst werden.

Dagegen bescheinigt die OECD der US-Wirtschaft, sie profitiere von der staatlichen Konjunkturstimulierung, einer Stabilisierung der Finanzmärkte und des Immobilienmarkts, sowie von starker Nachfrage aus Schwellenländern. Weil im Abschwung die Beschäftigung stark abgebaut worden sei, könne man mit einem baldigen Beschäftigungsaufbau rechnen. Schon in der ersten Hälfte 2010 werde die Arbeitslosigkeit ihren Gipfel überschreiten.

Europas Arbeitsmarkt dreht später

Demgegenüber werde der Aufschwung in Europa dadurch gebremst, dass die Arbeitslosigkeit noch bis Ende 2010 oder Anfang 2011 steige, weil hier bisher in viel geringerem Maße die Beschäftigung abgebaut wurde. Einen selbsttragenden Aufschwung sieht die OECD daher im Euro-Raum nicht vor 2011. Erst dann solle die Europäische Zentralbank beginnen, ihre Geldpolitik zu straffen.

„Die wirtschaftliche Entwicklung ist noch zu schwach, um einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern“, sagte OECD-Chefökonom Jorgen Elmeskov in Paris. In der Euro-Zone werde sie wohl bis Anfang 2011 steigen, in Deutschland möglicherweise sogar bis Mitte 2011.

„Angesichts des Verlustes von Millionen von Jobs und angespannten öffentlichen Haushalten müssen die Regierungen in den kommenden Monaten vorsichtig handeln“, mahnte OECD-Generalsekretär Angel Gurría. Eine Rückführung der Konjunkturstimulierung sei unbedingt nötig, sie müsse aber Stück um Stück erfolgen, um den Aufschwung nicht zu gefährden.

Bundesbank vorsichtig optimistisch

Die Bundesbank, die ebenfalls am Donnerstag ihren Monatsbericht vorgelegt hat, teilt die Einschätzung der OECD eines Aufschwungs, der an Breite gewinnt, aber noch nicht gefestigt ist. „Alles in allem zeichnet sich eine breit fundierte globale Erholung ab“, heißt es in dem Bericht. Die Entwicklung in den großen Schwellenländern verlaufe jedoch dynamischer als in den Industrieländern.

Die Bundesbank warnt davor, dass ein weiterhin störanfälliges Finanzsystem die Wirtschaftserholung gefährden könnte. Außerdem könne „die gebotene Korrektur makroökonomischer Ungleichgewichte in der Weltwirtschaft Veränderungen im Internationalen Währungsgefüge nach sich ziehen.“ Mit dieser diplomatisch verklausulierten Ausdrucksweise meint die Bank, dass der Dollar scharf abwerten und die Exportwirtschaft des Euro-Raums in die Krise stürzen könnte. Die OECD äußert diese Sorge ähnlich verklausuliert.

Während die OECD ihren Apelle zu einer Sanierung der öffentlichen Finanzen mit Warnungen abtönt, dabei die wirtschaftliche Erholung nicht zu gefährden, geht die Bundesbank sehr kritisch mit EU–Kommission und Regierungen um. „Die Kommission dehnt die Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts bis an dessen Grenzen“, bemängelt sie die langen Fristen für die Defizitrückführung, die sie den Regierungen einräumt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

Kommentare zu " Konjunkturbarometer: USA kommen schneller aus der Krise als Europa"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%