Krankenstand
Arbeitnehmer melden sich häufiger krank

Entgegen anders lautenden Meldungen aus der vergangenen Woche steigt der Krankenstand in der deutschen Wirtschaft. Das zeigen aktuelle Daten der Betriebskrankenkassen, die dem Handelsblatt vorliegen.

BERLIN. Demnach lag der Anteil der Krankmeldungen an allen Beschäftigten in den ersten fünf Monaten mit 4,23 Prozent geringfügig über dem Vorjahresniveau von 4,09 Prozent. Zwischen Januar und Mai 2007 hatte er bei 3,97 Prozent gelegen. „Von einem neuen Rekordtief beim Krankenstand kann also keine Rede sein“, kommentierte Thomas Isenberg vom Interessenverband der Betriebskrankenkassen, „Spektrum K“, die Zahlen.

Das Gegenteil treffe zu: Seit 2006 steige der Krankenstand wieder. 2006 hatte er nach Daten des damaligen Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen mit 3,4 Prozent einen Tiefpunkt erreicht. Die neuen Daten wurden zwar nur bei 55 Krankenkassen erhoben. Sie seien jedoch repräsentativ für die gesamte Krankenversicherung, betonte Isenberg.

Mehrere Medien hatten in der vergangenen Woche unter Berufung auf Daten des Gesundheitsministeriums berichtet, der Krankenstand sei auf ein neues Rekordtief von 3,4 Prozent gesunken. Ein späteres Dementi des Ministeriums war weitgehend unbeachtet geblieben. Tatsächlich geben die Stichtagsproben, über die das Ministerium berichtet hatte, nur den zum ersten Tag eines Monats gemessenen Krankenstand wieder. Da der erste eines Monats aber häufig auf ein Wochenende oder einen Feiertag fällt, unterzeichnen die Daten den tatsächlichen Krankenstand. Dagegen sind die von den Betriebskrankenkassen erhobenen Werte Durchschnittszahlen.

Besonders auffällig ist erneut die weitere erhebliche Zunahme der psychischen Erkrankungen. Ihr Anteil an den krankheitsbedingten Ausfallzeiten liegt inzwischen bei 10,3 Prozent. 2007 waren es noch 9,3 Prozent.

Über die Ursachen des wieder steigenden Krankenstands kursieren unterschiedliche Spekulationen. Der stetige Anstieg seit 2006 spricht dafür, dass die gute Konjunkturentwicklung eine Rolle gespielt hat, zumal die aktuelle Krise bislang nur wenig auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen hat. In Aufschwungphasen schwindet die Angst der Arbeitnehmer vor Verlust des Arbeitsplatzes. Sie erlauben sich daher eher, bei einer Krankheit zu Hause zu bleiben, lautet die These. Eine Rolle könnte auch der steigende Anteil älterer Arbeitnehmer spielen. Sie sind zwar weniger oft krank als junge, dafür aber meist deutlich länger.

Das starke Sinken des Krankenstands in früheren Jahren wird von den Krankenkassen auch auf den seit den 90er-Jahren verstärkten Strukturwandel zurückgeführt. Viele Unternehmen verjüngten damals ihre Belegschaften mit Vorruhestandsprogrammen. Außerdem wuchs der Dienstleistungssektor mit seinen traditionell niedrigeren Krankenständen. Inzwischen sind die verjüngten Belegschaften älter geworden. Auch das könnte ein Grund für steigende Krankenstände sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%