Bert Rürup
Modernisierung Chinas noch nicht vollendet

Der ehemalige „Wirtschaftsweise“ Bert Rürup analyisert für das Handelsblatt die Stärken und Schwächen von China. Der Wirtschaftswissenschaftler findet, dass die Wachstumserfolge zeigen, dass eine demokratische Staatsordnung weder Voraussetzung noch Folge einer wirtschaftlichen Modernisierung ist.
  • 1

Vor gut 30 Jahren wurden in China unter Deng Xiaoping, dem Nachfolger Maos, die "vier Modernisierungen" eingeleitet: die Modernisierung der Industrie, der Landwirtschaft, der Verteidigung und der Wissenschaft und Technik. Immer mehr Bereiche der Produktion und Verteilung von Waren und Dienstleistungen wurden seitdem marktwirtschaftlichen Koordinations- und Entscheidungsprozessen geöffnet. 1980 lag das Bruttoinlandsprodukt Chinas im weltweiten Vergleich hinter Argentinien auf Platz elf. Dreißig Jahre später ist China nach den USA die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Die beeindruckenden Wachstumserfolge zeigen, dass eine demokratische Staatsordnung weder Voraussetzung noch Folge einer wirtschaftlichen Modernisierung ist und eine marktwirtschaftliche Koordination auch ohne flächendeckendes Privateigentum an den Produktionsmitteln funktionieren kann. Denn in der Mehrzahl der größeren Unternehmen hat unverändert der Staat das Sagen. Zudem zeigt China, wie marktwirtschaftliche Prinzipien erfolgreich zur Durchsetzung nationaler wirtschaftspolitischer Ziele insbesondere der Außenwirtschaftspolitik eingesetzt werden können. Mit den Erfolgen auf den Weltmärkten und den wachsenden Währungsreserven stieg zudem das geopolitische Selbstbewusstsein. Die Demütigung des US-amerikanischen Präsidenten auf dem gescheiterten Weltklimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 ist nur ein Beispiel dafür.

Ein Blick hinter die beeindruckenden makroökonomischen Daten offenbart aber auch eine Reihe von Problemen, die durch Wirtschaftswachstum allein nicht gelöst werden können. Das extreme Wohlstandsgefälle zwischen den landwirtschaftlich geprägten armen West-Provinzen und den reichen im Norden und Osten des Landes erzeugt einen starken Wanderungsdruck. Dieser erfordert Wachstumsraten in der Größenordnung von zehn Prozent, wenn die Arbeitslosigkeit im Zaum gehalten werden soll.

Die existenzielle Armut konnte deutlich verringert werden, und die Versorgung der riesigen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln ist mittlerweile gesichert. Allerdings hat die Einkommensungleichheit zugenommen, da die Löhne der Geringqualifizierten, die 70 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen, relativ schwach gestiegen sind. Besonders prekär ist nach wie vor die Einkommenssituation der bäuerlichen Bevölkerung. Denn es leben sehr viel mehr Menschen auf dem Lande als für die Bewirtschaftung der vorhandenen Anbauflächen benötigt werden. Die Freizügigkeit der Landbevölkerung ist nach wie vor eingeschränkt. Immer noch sind als "Landbevölkerung" registrierte Menschen oft von in den Städten angebotenen Sozialleistungen wie Krankenversorgung oder Sozialhilfe ausgeschlossen - selbst wenn sie in eine Stadt umsiedeln durften und dort seit vielen Jahren wohnen und arbeiten.

Das Bildungs- und Wissenschaftssystem hält noch nicht dem Anspruch stand, dem Westen technologisch und wissenschaftlich auf Augenhöhe zu begegnen. Als Risiko kommt hinzu, dass China alt wird bevor die Bevölkerung reich ist. Denn als Folge der seit 1979 geltenden Ein-Kind-Politik verschiebt sich die Bevölkerungsstruktur in einer wenig wachstumsfreundlichen Art.

China wird lernen müssen, dass Industrialisierung und gesamtwirtschaftliche Erfolge ohne eine gesellschaftliche Modernisierung und ohne eine sozialstaatliche Flankierung nicht nachhaltig sind. Vielleicht kommt es dann auch zu der von Bürgerrechtlern geforderte "fünften" Modernisierung - die der Demokratisierung.

Kommentare zu " Bert Rürup: Modernisierung Chinas noch nicht vollendet"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Was immer mal vergessen wird: Zu einer Demokratie gehört auch eine allseits gebildete bevölkerung, welche mit einer demokratischen Gesellschaftsform umzugehen weiß. Stichwort: Weimarer Republik
    Dies ist in China kurz- und wohl auch mittelfristig nicht der Fall. Die Leute laufen - zur Zeit - nur dem Geld hinterher und können mit Demokratie wenig anfangen. Außerdem, wer hätte den vorher den alten Daddies aus dem Politbüro zugetraut, solch einen Wirtschaftsaufachwung aus dem Hut zu zaubern. ich nicht. Zur Stabilität des Landes und der gesamten Welt wäre es wichtig, dass noch ein paar Jahre so weiter verfahren wird.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%