Länderanalyse Spanien
Der Konjunktur-Kater nach der Fiesta

Spanien braucht nach seinem Immobilienboom und dem schmerzlichen Zusammenbruch ein neues Geschäftsmodell. Der Anteil der Industrie an der Wertschöpfung ist klein, der Weg zu einer erfolgreichen Exportwirtschaft weit. Mit einer schnellen Rückkehr zu starkem Wachstum und niedrigen Arbeitslosenzahlen ist nicht zu rechnen.

MADRID. Spaniens Wirtschaft ist noch immer nicht wieder auf den Beinen. Der Kollaps, den das Zusammentreffen von globaler Finanzkrise und heimischer Immobilienkrise vor mehr als drei Jahren verursacht hatte, hat sie aus der Bahn geworfen. Die Arbeitslosigkeit hält sich bei 20 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) schrumpfte sieben Quartale in Folge. Bei Zuwachsraten von 0,1 Prozent und 0,2 Prozent in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres kann von einem kraftvollen Aufschwung keine Rede sein. Doch immerhin eins ist inzwischen klar: Spanien ist kein zweiter Fall Griechenland.

„Das Schlimmste ist vorüber in Spanien”, urteilten die Ökonomen des Internationalen Währungsfonds (IWF) in ihrem jüngsten Wirtschaftsbericht. Spanien habe einige der während des vergangenen Booms aufgebauten Ungleichgewichte beseitigt. Das zentrale Szenario allerdings bleibe „das einer fragilen Erholung, die sich in einem nur sehr graduellen Rückgang der Arbeitslosigkeit widerspiegelt.“ Erst 2013 werde die Wirtschaftsleistung wieder das Vorkrisenniveau erreichen, später als in Deutschland oder Frankreich.

Grund für die Hartnäckigkeit der Krise in Spanien sei die hohe Bauorientierung und der niedrige Offenheitsgrad der Wirtschaft, schreibt Wirtschaftsprofessor Bert Rürup in seiner für das Handelsblatt erstellten Länderanalyse. Der Bausektor und die mit ihm verbundenen Branchen machten in der letzten Dekade fast ein Drittel der Wertschöpfung aus. Zum Höhepunkt des Booms wurden in Spanien pro Jahr 700 000 Wohnungen gebaut – in der Krise nur noch 100 000.

„Wäre der Einfluss des Immobiliensektors auf das Wirtschaftswachstum neutral gewesen, hätten wir im zweiten Quartal ein Wachstum von 0,4 Prozent gesehen“, hat Analyst José Carlos Díez vom Brokerhaus Intermoney errechnet. Die Hoffnung, dass die Exportindustrie den Bausektor als Motor der Wirtschaft ablöst, ist kaum realistisch. Der Offenheitsgrad, also der Anteil von Exporten und Importen am spanischen BIP, hat sich seit 1999 nicht wesentlich verändert: Er lag bis zum Ausbruch der Krise bei etwa 60 Prozent, um danach auf weniger als 50 Prozent zu sinken.

Nicht steigende Löhne, sondern die schwache Industrie bremst Spaniens Exporte

Rürup teilt aber nicht die Meinung des IWF und vieler spanischer Ökonomen, dass die Exportschwäche an überhöhten Löhnen und entsprechend mangelnder Wettbewerbsfähigkeit liege: „Entgegen der landläufigen Meinung waren überhöhte Lohnsteigerungen nicht der Grund für die Stagnation der Integration in die internationale Arbeitsteilung, denn die Entwicklung der realen Lohnstückkosten über alle Branchen hinweg verlief in Spanien ähnlich flach wie in Deutschland.“ Erst 2009 stiegen die Reallöhne markant an, was die Ökonomen der Maschmeyer Rürup AG darauf zurückführen, dass vor allem am Bau viele gering qualifizierte und niedrig entlohnte Arbeitnehmer ihre Stelle verloren.

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