Märkte
Notenbanker beruhigen Märkte

Notenbanken in den USA und Europa verstärken ihre Anstrengungen, die Krise auf den Finanzmärkten einzudämmen. Nachdem US-Fed-Chef Ben Bernanke am Wochenende bereits Hoffnungen auf eine baldige Zinssenkung geweckt hat, fordern Europas führende Geldpolitik-Experten von der EZB: Finger weg vom Leitzins.

FRANKFURT/NEW YORK. Die Europäische Zentralbank (EZB) sollte am Donnerstag von ihrem Plan abrücken, den Leitzins von 4,0 auf 4,25 Prozent anzuheben, forderte Gernot Nerb, Konjunkturexperte des Münchener Ifo-Instituts, stellvertretend für die große Mehrheit der europäischen Geldpolitik-Experten in Hochschulen, Forschungsinstituten, Banken und Hedge-Fonds. "Ein Verzicht auf die Zinserhöhung würde helfen, die Finanzmärkte zu stabilisieren, und die Gefahr verringern, dass die Probleme auf die Wirtschaft übergreifen."

Von den 19 Mitgliedern des EZB-Schattenrats, die Ende letzter Woche über eine Zinsempfehlung an die EZB diskutierten, plädierten 18 für den Verzicht auf eine Zinserhöhung. Seit Gründung des Schattenrats 2002 hat die EZB noch nie eine abweichende Entscheidung getroffen, wenn das Meinungsbild in dem Beobachterkreis so eindeutig war.

Fed-Chairman Bernanke hatte auf der Notenbank-Tagung in Jackson Hole ebenfalls vor einem Übergreifen der Finanzkrise auf die Wirtschaft gewarnt. "Falls die gegenwärtigen Bedingungen auf dem Hypothekenmarkt anhalten, könnte die Nachfrage nach Immobilien weiter sinken und auch den Rest der Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehen", sagte der US-Notenbank-Chef. Die Fed werde "alle notwendigen Schritte unternehmen, um nachteilige Auswirkungen auf die Wirtschaft zu begrenzen".

An den Finanzmärkten wurden die Äußerungen Bernankes als deutliches Signal für eine Zinssenkung bei der nächsten Fed-Sitzung am 18. September gewertet. An den Terminmärkten für Zinskontrakte stieg die Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung auf knapp 83 Prozent. Die US-Notenbank hatte bereits Mitte August den Diskontsatz gesenkt, den Leitzins jedoch unverändert bei 5,25 Prozent belassen.

Für Erleichterung an den Finanzmärkten sorgte auch die Ankündigung von US-Präsident George W. Bush, den in Zahlungsschwierigkeiten steckenden Hausbesitzern in den USA mit staatlichen Kreditbürgschaften und steuerlichen Mitteln zur Hilfe zu eilen. Sowohl Bush als auch Bernanke betonten, dass sie nicht die Absicht hätten, leichtsinnige Investoren und Kreditnehmer vor den Folgen ihrer riskanten Spekulationen zu bewahren.

Mit ihrem gemeinsamen Vorgehen unterstrichen Präsident und Notenbank-Chef, dass die Krise auf dem Hypothekenmarkt keineswegs vorüber ist. Der Harvard-Ökonom Martin Feldstein warnte auf der Tagung in Jackson Hole vor einer Rezession in den USA und forderte eine Zinssenkung um einen vollen Prozentpunkt. Robert Shiller von der Yale University sagte einen Verfall der Immobilienwerte von mehr als 15 Prozent voraus.

Auch Luigi Buttiglione, Chefvolkswirt des großen amerikanischen Hedge-Fonds Fortress und Mitglied im EZB-Schattenrat, hält die Lage für außerordentlich ernst. "Dies ist nicht einfach eine Liquiditätskrise", sagte er, "das Problem geht viel tiefer und ist durch Liquiditätsspritzen nicht zu lösen." Bernanke sprach von einer zunehmenden Risikoaversion der Investoren, die zu Stress auf den Finanzmärkten geführt habe. Die globalen Verluste der Hypothekenkrise hätten die schlimmsten Befürchtungen bei weitem übertroffen.

Die Mehrheit der Experten im EZB-Schattenrat rät der EZB deshalb, eine Zinserhöhung nicht einfach nur aufzuschieben, sondern klarzumachen, dass sie völlig offen und ohne Vorfestlegung die weitere Entwicklung beobachte. Demgegenüber erwarten die meisten Analysten, dass die EZB bei einem Verzicht auf eine Zinserhöhung am Donnerstag durchblicken lassen werde, dass sie immer noch an eine Zinserhöhung denkt.

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