Nach dem Konkurs von Lehman Brothers
Finanzkrise schürt Erwartung von Zinssenkungen

Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) könnte bereits am morgigen Dienstag ihren Leitzins auf Notstandsniveau senken. Davon gehen immer mehr Analysten aus, nachdem der Konkurs der Investmentbank Lehman Brothers Sorgen vor einer Kernschmelze des Finanzsystems nährte.

HB FRANKFURT. Die Notenbank trifft sich morgen zu einer ihrer in etwa sechswöchigem Turnus stattfindenden Zinssitzungen. Mit zwei Prozent ist der Leitzins der Fed bereits außergewöhnlich niedrig und wesentlich niedriger als die Inflationsrate, die über vier Prozent beträgt. In Reakton auf die Ereignisse vom Wochenende purzelte die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen am Montagmorgen um 40 Hundertstel Prozentpunkte auf nur noch 1,80 Prozent. Das zeigt das viele Investoren mit der Möglichkeit einer weiteren Zinssenkung rechnen.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte auf Zinssenkungskurs umschwenken, nachdem sie erst im Juli ihren Leitzins auf 4,25 Prozent erhöht hat. "Die jüngsten Ereignisse machen eine Beteiligung der EZB an einer koordinierten Zinssenkung der Notenbanken möglich", meint Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland. Mit der Bedrohung der Realwirtschaft durch die Konjunktur könne die EZB einen solchen Politikwechsel ohne weiteres begründen, so Cailloux. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen viel einen Viertel Prozentpunkt auf 3,72 Prozent, und war damit über einen halben Punkt niedriger als der geltende EZB-Leitzins. Dies zeigt deutlich, dass die Märkte überzeugt sind, dass die Geldpolitik der EZB zu restriktiv ist, und früher oder später gelockert werden muss.

Die (EZB) hat angesichts der dramatischen Zuspitzung der US-Bankenkrise eine zusätzliche Liquiditätsspritze angekündigt. Zur Bereitstellung zusätzlicher Liquidität sei ein Schnelltender über einen Tag geplant, teilte die EZB am Montag in Frankfurt mit. Den Umfang der Geschäfte ließen die Währungshüter offen. Gebote wurden bis 10.15 Uhr angenommen. Das Geschäft mit einer Laufzeit von einem Tag werde zu einem Mindestbietungssatz von 4,25 Prozent ausgeschrieben.

Während der Dollar am Freitag und am frühen Montag zunächst unter den Finanzturbulenzen in den USA litt, dominierten ab Montagvormittag wieder die Flucht in den sicheren Hafen Dollar und die Aussicht auf eine Zinswende im Euroraum. Nachdem der Euro zur US-Währung im frühen Handel zwischenzeitlich bis auf 1,4480 gestiegen war, fiel er bis zum späten Vormittag wieder um zwei Cent unter 1,43 Dollar.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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