Der ökonomische Gastkommentar
Mindestlohn – ein Fall für die Wettbewerbshüter

Mindestlöhne stellen Markteintrittshemmnisse für inländische potentielle Wettbewerber dar. Das Bundeskartellamt muss in die Lage versetzt werden, gegen marktverzerrende Mindestlöhne vorzugehen, sagt Horst Siebert , Professor an der Johns Hopkins University in Bologna.
  • 0

Gütermärkte und Arbeitsmärkte werden von der Wirtschaftspolitik gerne als institutionell getrennte Veranstaltungen behandelt. Tatsächlich sind sie aber miteinander verwoben. Dies wird einem sofort deutlich, wenn man sich vor Augen führt, dass die Unternehmen mit ihren Angebotsmengen auf den Gütermärkten gleichzeitig auch ihre Nachfrage nach Arbeitskräften bestimmen. Wirtschaftspolitische Eingriffe in einem Markt müssen sich also zwangsläufig auf dem anderen Markt auswirken.

Reichhaltigen Anschauungsunterricht dazu bieten die 70er- und 80er-Jahre, als noch manche Bereiche der Volkswirtschaft als natürliche Monopole interpretiert wurden. Entweder weil sie über Leitungsnetze verfügten oder aus anderen Gründen in staatlicher Hand waren. Unternehmensbereiche wie die Post und die Telekom waren damals gegen Wettbewerb geschützt. Dies erlaubte den Gewerkschaften, für ihre Mitglieder kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen und einen hohen Organisationsgrad zu erreichen.

Die Wirtschaftswissenschaft spricht davon, dass eine intensive Gütermarktregulierung hohe Renten schafft. Eine dichte Arbeitsmarktregulierung mit der Folge starker gewerkschaftlicher Organisation läuft darauf hinaus, dass diese Renten zu einem beachtlichen Teil den Arbeitnehmern zufallen. Den Nachteil davon haben die Verbraucher, die höhere Preise zahlen müssen. Die Zeche zahlt aber auch die gesamte Volkswirtschaft, weil technischer Fortschritt unterbleibt.

Im Verlauf der Zeit entfielen die leitungsgebundenen Monopole aus drei Gründen: Den Ökonomen kam der Gedanke, dass Leitungsnetze dann kein Monopol begründeten, wenn sich geeignete Durchleitungsrechte definieren lassen, so dass über Schnittstellen bei geeigneter Regulierung mehrere Anbieter das gleiche Netz benutzen können. Zudem entmachteten technischer Fortschritt wie das Mobiltelefon und bessere Messtechnik die Eigentümer der Leitungsnetze. Und schließlich brachte die Europäische Union durch die Vorstellung des Binnenmarktes in ihren Regulierungen verstärkt den Wettbewerbsgedanken ins Spiel.

Auch in einem anderen Bereich war das Zusammenspiel zwischen Güter- und Arbeitsmarkt zu beobachten. Die Subventionen für die damals noch teilweise im staatlichen Besitz befindlichen Werften ermöglichten hohe Löhne. Nach empirischen Studien des Instituts für Weltwirtschaft hielten diese das Lohnniveau in der Werftregion hoch und hatten zur Folge, dass sich andere Unternehmen nicht ansiedeln und entwickeln konnten. Durch den Abbau der Subventionen und die Privatisierung der Werften hat sich dies inzwischen geändert.

Seite 1:

Mindestlohn – ein Fall für die Wettbewerbshüter

Seite 2:

Kommentare zu " Der ökonomische Gastkommentar: Mindestlohn – ein Fall für die Wettbewerbshüter"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%