Erforschung des Lebensstandards
Der Körper – ökonomisch das Maß aller Dinge

Amerika bietet seinen Bürgen einen höheren wirtschaftlichen Wohlstand als die meisten europäischen Länder – zumindest auf dem Papier. Unkonventionelle Indikatoren belegen das Gegenteil: Wie Ökonomen aus Größe und Gewicht auf den Wohlstand schließen.

KÖLN. „Amerika, du hast es besser“, seufzte bereits Johann Wolfgang von Goethe. Auch heute blickt die Alte Welt neidvoll über den Atlantik. Denn das Land der unbegrenzten Möglichkeiten bietet seinen Bürgen einen höheren wirtschaftlichen Wohlstand als die meisten europäischen Länder – zumindest auf dem Papier.

Tatsächlich aber geht es den US-Bürgern im Schnitt bei weitem nicht so gut wie zum Beispiel den Niederländern – diese These vertritt der in München arbeitende amerikanische Wirtschaftshistoriker John Komlos. Zwar ist das Pro-Kopf-Einkommen der USA eines der höchsten Welt. US-Bürger sind aber im Schnitt deutlich kleiner als Holländer. Und die Körpergröße, betont Komlos, ist ein verlässlicher Indikator für den wahren Wohlstand eines Landes.

Der Münchener ist einer von weltweit rund 40 Wissenschaftlern auf dem Forschungsgebiet der Anthropometrie. Forscher dieser Disziplin bedienen sich des Maßbandes, um herauszufinden, wie gut es um eine Volkswirtschaft bestellt ist. Schon 1829 hatte der französische Statistiker Louis Villermé 1829 erkannt: „Elend bringt kurze Menschen hervor.“ Heute hat sich die Anthropometrie zu einer anerkannten Forschungsrichtung entwickelt.

Seit jeher beschäftigt sich die Ökonomie mit der Frage, warum manche Länder arm und andere reich sind. Die gängigen statistischen Daten – etwa das Pro-Kopf-Einkommen oder das Bruttoinlandsprodukt – stehen aber für wirtschaftshistorische Analysen oft nicht zur Verfügung. Zudem zweifeln Anthropometriker die Aussagekraft der traditionellen Daten an: „Eine Volkswirtschaft, in der alle das Gleiche verdienen, hat ein genauso hohes Pro-Kopf-Einkommen wie eine Gesellschaft, in der eine Hälfte der Bevölkerung extrem viel und die andere extrem wenig verdient“, betont Komlos.

Auch bleiben Menschen, die nicht von regelmäßiger Arbeit leben, in solchen Betrachtungen oft unberücksichtigt. „Den Bauern, der sich selbst versorgt, erfasst das Bruttoinlandsprodukt ebenso wenig wie Hausfrauen und Kinder, die kein Einkommen beziehen, oder Personen, die ihr Geld in der Schattenwirtschaft verdienen“, bemängelt der Forscher.

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