Finanzaufsicht
Banken zähmen – aber wie?

Die Finanzkrise hat eklatante Mängel bei der Finanzaufsicht offengelegt. In Sachen Regulierung ist daher in der Wissenschaft ein Paradigmenwechsel in Gang gekommen. Ein Vergleich mit der Seuchenprävention zeigt die Schwäche des alten Konzeptes: Wer tödliche Epidemien verhindern will, darf nicht nur darauf achten, dass der Einzelne gesund ist.
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DÜSSELDORF. Im Herbst 2003 hing die Karriere von Josef Ackermann am seidenen Faden. Die Staatsanwaltschaft hatte den Deutsche-Bank-Chef wegen Untreue angeklagt – weil er als Mannesmann-Aufsichtsrat nach der Vodafone-Übernahme Millionen-Abfindungen für Manager des Düsseldorfer Konzerns bewilligt hatte.

Vor Beginn des Prozesses machten Gerüchte die Runde, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht werde den Deutsche-Bank-Chef beurlauben – mit dem Argument, das Verfahren nehme so viel Zeit in Anspruch, dass er sich nicht mehr genug um die Bank kümmern könne. Schließlich gab eine BaFin-Sprecherin Entwarnung: Ackermann könne „seine Aufgabe als Geschäftsleiter der Deutschen Bank auch mit der zusätzlichen zeitlichen Belastung weiterführen“. Wäre er rechtskräftig verurteilt worden, hätte die Behörde ihn aber mit Sicherheit abberufen.

Die Episode zeigt, welche Macht die Bankenaufsicht in Deutschland besitzt. In kaum einem anderen Sektor schränkt der Staat die unternehmerische Freiheit so stark ein wie in der Geldbranche. Doch die Finanzkrise, die vor genau zwei Jahren ihren ersten Höhepunkt erreichte, hat eklatante Mängel der Regulierung offengelegt. Die Philosophie, auf der die Aufsicht basierte, besitzt strukturelle Schwächen. Derzeit vollzieht sich daher in Sachen Bankenregulierung ein wissenschaftlicher Paradigmenwechsel.

Bis zum Ausbruch der Krise waren Wissenschaftler überzeugt: Wer das Finanzsystem sicher machen will, muss dafür sorgen, dass die einzelnen Akteure gesund sind. Solange garantiert ist, dass die Banken gut geführt sind und finanziell solide dastehen, so die alte Überzeugung, ist auch das Gesamtsystem stabil. Weil sich Bankenregulierer im alten Paradigma auf die einzelnen Akteure konzentrierten, sprechen Wissenschaftler rückblickend von einem „mikro-zentrierten Ansatz“ der Regulierung („micro-prudential regulation“).

Die Krise hat gezeigt, dass diese mikro-zentrierte Regulierung allein nicht ausreicht, um ein Finanzsystem stabil und sicher zu machen. Die Schwäche des Konzeptes macht ein Vergleich mit der Seuchenprävention deutlich: Wer tödliche Epidemien verhindern will, kann auch nicht nur darauf achten, dass jeder einzelne Bürger so gesund wie möglich ist. Genau dieser Fehler ist den Bankenaufsehern vor Ausbruch der Krise unterlaufen: Sie haben sich ausschließlich auf die einzelnen Akteure konzentriert und dadurch sprichwörtlich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Denn das Finanzsystem ist weit mehr als die Summe seiner Einzelteile.

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