Geldpolitik
Was die Deutschen über die EZB wissen

Selten war effektive Geldpolitik so wichtig wie heute. Doch laut Forschern wissen die Deutschen mitten im Überlebenskampf des Euro erschreckend wenig über die Maßnahmen der Zentralbanker in Europa.
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DüsseldorfEr sah die Antwort auf die Frage als seine Mission an – doch geliefert hat er sie nicht: „Was genau ist die Aufgabe der Europäischen Zentralbank?“ Das wollte Ex-Zentralbankchef Jean-Claude Trichet den Europäern „umfassend“ und „leicht zugänglich“ erklären. Schließlich sei es für die EZB wichtig, dass die Menschen verstehen, warum Geldwertstabilität die Voraussetzung für den Wohlstand ist, schrieb der Franzose staatstragend in einer EZB-Broschüre.

Doch statt einfacher Erklärungen liefern die Banker auf knapp 80 Seiten komplizierte Satzgebilde, die aus einer Uni-Vorlesung stammen könnten. „Aufgrund seiner Liquidität erbringt Geld seinem Besitzer eine Dienstleistung, indem es Transaktionen erleichtert“, schreiben die Autoren, um zu erklären, wozu man Bargeld benötigt. „Da braucht man einen BWL-Bachelor, um das zu verstehen“, kritisiert Edith Neuenkirch, die gemeinsam mit dem Marburger Makroökonomen Bernd Hayo erforscht hat, wie gut die Deutschen über Geldpolitik Bescheid wissen.

Ihre Ergebnisse sind ernüchternd: Mitten in der Krise verstehen die Deutschen nicht, welche Rolle die EZB in der Wirtschaft spielt. Über die Aufgaben und Instrumente der Zentralbank wissen sie bestenfalls bruchstückhaft Bescheid. Die Mehrheit weiß weder, dass die Institution unabhängig entscheiden soll, noch welche Folgen eine Leitzins-Erhöhung hat. Die Unwissenheit der Bürger könnte die Legitimation der EZB schwächen und zur Gefahr für den privaten Geldbeutel werden, befürchten die Forscher.

Wie weit verbreitet die Defizite sind, offenbart unter anderem die Studie des Frankfurter BWL-Professors Guido Friebel, der schon vor zwei Jahren über 2000 Wirtschaftsstudenten zur Krise befragte: Selbst die angehenden Ökonomen können grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge oft nicht erklären, bilanzierte der Forscher. Wichtige EU-Politiker wie den Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, kennt nur jeder vierte Deutsche. Im internationalen Vergleich rangiert die Bundesrepublik in Sachen ökonomischer Sachverstand im Mittelfeld, weit abgeschlagen hinter Finanzmetropolen wie Singapur und Hongkong, zeigte der italienische Ökonom Tullio Jappelli kürzlich.

Diese eklatanten Wissenslücken stehen im starken Gegensatz zur Dringlichkeit, mit der die Sorge ums Geld den Deutschen unter den Nägeln brennt. Die repräsentative Erhebung des Marburger-Forscher-Duos, durchgeführt von der Gesellschaft für Konsumforschung, brachte ans Licht: Fast jeder Dritte hält „die Bekämpfung steigender Preise langfristig für Deutschland für am wichtigsten.“

Link zum kostenlosen Download der im Text zitierten Studien

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Wer wenig Ahnung von Wirtschaft hat, geht höhere Risiken ein

Kommentare zu " Geldpolitik: Was die Deutschen über die EZB wissen"

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  • „Da sich Amerikaner, die sich mit Finanzen kaum auskannten, im Vorfeld der Finanzkrise besonders häufig Hypothekenkredite aufschwatzen ließen, halten einige Ökonomen die Defizite sogar für einen Mitverursacher des globalen Crashs“.
    Falsch!!
    Nicht die ca. 12Bio. $ Hypothekenkredite, von denen nur ein kleiner Teil notleidend war, war die Ursache für den globalen Crash, sondern die betrügerischen Verbriefungen, aus denen dann ca. 600 Bio.$ Vermögenswerte entstanden, bevorzugt an die stupid German-Landesbankster verkauft. Als die Bankster dann feststellten, dass in den Weihnachtspaketen, die mit AAA und einer grünen Ampel gekennzeichnet waren, nichts als heiße Luft drin war, ja dann wollten alle wieder diese Weihnachtspakete zurückgeben. So entstand die globale Finanzkrise, daraus wurde dann die Staatschuldenkrise und jetzt der Kollaps des Finanzsystems.

    Eigentlich wollte ich ja zur EZB kommentieren. In den europ. Verträgen wurde genau festgelegt, was die EZB tun darf und lassen muss, zum Schutze von uns Deutschen, damit bei der Aufgabe der starken D-Mark kein Volksaufstand ausbrach.
    Zwischenzeitlich wurden sämtliche Vereinbarungen in den Maastricht-Verträgen, die die Grundlage für den Euro bildeten und zum Schutze für uns Deutsche gedacht waren, außer Kraft gesetzt.
    All diese Finanzhilfen sind demokratisch in keiner Weise legitimiert. Das gilt insbesondere auch für die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank. Das ist nicht zulässig. Das ist Hochverrat!!

    Trichet ist der Leichenbestatter, kommentierte Prof. Dr. Wilhelm Hankel.
    http://siggi40.de/geld/

    Die EZB, die die Sparguthaben der Deutschen innerhalb Europas verteilt, ist so fehl am Platz wie ein Kropf im Hals. Man sollte wieder die Todesstrafe einführen und die Guillotine zum Leben erwecken.

  • Wirtschaftskunde war jedenfalls früher in den Unterrichtsplänen aller Schulen mehr oder weniger ein schwarzer leerer Raum. Das scheint sich heute auch noch nicht wesentlich geändert zu haben.

  • "Wir sind das Volk," "Wir sind immer die Deppen." Es ist erschreckend wie wenig wir von Politik versteh! wir verstehen so wenig von Politik und wir sind so schlecht informiert, dass man uns nicht einmal abstimmen lässt.

    Dagegen war Papandreo noch ein echter Demokrat. Aber danach war hier nicht gefragt.

    Eines wissen wir: Die EZB ist keine DEUTSCHE BUNDESBANK! Weder vom Namen noch von der Arbeitsweise. die Deutsche Bundesbank wurde entmachtet, aber ihre Aufgabe, ihr faktisches Handeln wurde von niemandem übernommen.

    Die Bundesbank war in ihrer Finanzpolitik politisch unabhängig. Heute erfahren wir, dass die Politik die Finanzpolitik "macht". Das Ergebnis sehen wir auch.

    Nicht nur die FDP erscheint als Azubi-Truppe. Nein, die ganzen Regierungen sind finanzpolitische Azubis und jetzt entert noch einer die EZB. Ohne dass hier eine Persönliche Haftung rein kommt, ändert sich nichts.

    War das die Antwort zur Frage?

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