Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL) - Porträtserie "Jugend forscht"
Herbert Dawid: Ein Wiener in Westfalen

Wie der 37-jährige Österreicher Herbert Dawid von Bielefeld aus die Volkswirtschaftslehre aufrollt – indem er die abstrakten Modelle der Ökonomen realitätsnäher gestaltet
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Wien, Los Angeles, Bielefeld – auf den ersten Blick wirken die beruflichen Stationen von Herbert Dawid nicht so, als ob er bei den Job-Wechseln seine Karriere im Blick gehabt hätte. Doch dieser Eindruck täuscht.

Ganz bewusst hat sich der 37-jährige Ökonom 2003 für den Umzug von Kalifornien nach Ostwestfalen entschieden, um dort in Ruhe abseits der ausgetretenen Pfade an seinen Themen der forschen. Vier Jahre hatte er zuvor als Associate Professor an der University of Southern California in Los Angeles gearbeitet, und er hätte dort noch länger bleiben können. Auch in Bielefeld erreichten ihn mehrere Job-Offerten aus den USA – er hat sie alle abgelehnt.

„Ich hatte von Anfang an nicht vor, in den USA in Pension zu gehen“, erzählt der gebürtige Wiener, der einer der forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirte unter 40 Jahren ist, wie das Handelsblatt-Ökonomenranking zeigt.

Sein Urteil über das deutsche Hochschulsystem fällt deutlich versöhnlicher aus als bei vielen seiner Fachkollegen. Klagen über zu hohe Lehrverpflichtungen, zu schlechte Bezahlung und überbordende Uni-Bürokratie kommen Dawid nicht so leicht über die Lippen. „Sicherlich hat das US-System viele Stärken, aber ich sehe auch einige Nachteile“, sagt er. Gestört hat ihn am amerikanischen Wissenschaftsbetrieb die „starke Konzentration auf den wissenschaftlichen Mainstream“.

Denn Dawid selbst forscht abseits davon – er versucht, die Vielfalt des menschlichen Lebens in die ökonomische Modellwelt einzubauen. Traditionell treffen Volkswirte in ihren Modellen die Annahme, dass alle Verbraucher, Arbeitnehmer und Unternehmer gleich ticken. Davon hält Dawid nicht viel. „Die Annahme von repräsentativen Konsumenten und Unternehmen, die sich immer streng rational verhalten, ist eine zu starke Vereinfachung“.

Der Professor aus Bielefeld setzt dagegen auf so genannte „agentenbasierte Modelle“. Dabei handelt es sich um virtuelle Volkswirtschaften, die nur im Computer existieren, und in denen die Akteure gewissermaßen ein Eigenleben führen – der Ökonom bestimmt nur noch die Rahmenbedingungen. Solche Modelle sind deutlich näher an der Wirklichkeit, aber auch viel komplexer. Auch ein guter Mathematiker kann sie analytisch nicht mehr eindeutig lösen.

Statt dessen spielen die Forscher die Prozesse in der Modell-Ökonomie immer und immer wieder am Computer durch. „Eine einzelne Simulationsrechnung sagt gar nichts, man braucht eine große Anzahl von Ergebnissen, die man dann statistisch analysiert“, erklärt Dawid.

Und diese Methodik liefert erstaunliche Ergebnisse. So stellte er zusammen mit einem Co-Autor von der Columbia-University fest: Die an sich gesicherte ökonomische Erkenntnis, dass „versunkene Kosten“ das Gewinnmaximierungskalkül von Firmen nicht beeinflussen, kann ins Wanken geraten. „Unter bestimmten Umständen spielt auch die Vergangenheit für das Verhalten von Unternehmen eine Rolle.“

Im Auftrag der EU ist Dawid dabei, diese Methoden auch für makroökonomische Probleme anwendbar zu machen. Mit 30 anderen Wissenschaftlern entwickelt er eine „agentenbasierte Plattform“ zur Evaluierung von Wirtschaftspolitik auf mikroökonomischer Basis – ein anspruchsvolles Projekt, das noch in den Kinderschuhen steckt.

In den wichtigsten Ökonomenzeitschriften aber habe man es mit solchen Arbeiten schwer – agentenbasierten Modelle sind derzeit schlicht keines der Modethemen der Zunft. „Arbeiten dazu sind nur schwer prominent zu publizieren.“

Dawids wissenschaftliches Steckenpferd ist die Analyse des Zusammenspiels von dynamischen und strategischen Phänomenen – zum Beispiel die Frage, wie sich die Verfügbarkeit von Risikokapital auf die Innovationsstrategien von Unternehmen auswirkt oder welche Faktoren Firmen dazu bringen, sich auf Nischenmärkte zu spezialisieren. Häufig bewegt sich der Industrieökonom Dawid dabei im Grenzbereich zur BWL – in Wien hat er lange an einem BWL-Institut gearbeitet.

In Bielefeld fühlt sich der gebürtige Wiener wohl. Besonders genießt er es, nicht mehr durch den Großstadt-Moloch mit dem Auto ins Büro fahren zu müssen, sondern zehn Gehminuten von der Universität entfernt im Grünen wohnen zu können. Einen Haken hat Ostwestfalen aber doch, gibt er auf Nachfrage zu: Das Meer ist ein bisschen weit weg. In Los Angeles hat Dawid eine Viertelstunde von Stand entfernt gewohnt.

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