Humboldt-Forum Wirtschaft zum Thema „Rationalität“
Mikroökonomie auf den Müll?

Der Ökonomie-Nobelpreisträger Reinhard Selten hat der traditionellen mikroökonomischen Theorie ein vernichtendes Zeugnis ausgestellt. Das Fach, das zum Kern der traditionellen VWL gehört, basiere auf weltfremden Annahmen. "Wir brauchen eine grundsätzlich neue mikroökonomische Theorie", forderte Selten auf einem Kongress in Berlin.
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Gefühl oder Kalkül, Bauch oder Kopf – wie treffen Menschen ökonomische Entscheidungen? Das Bild des kühl rational Handelnden, das lange im Zentrum von Volks- und Betriebswirten stand, ist seit längerem ins Wanken geraten. Über Alternativen wird heftig gestritten. Ökonomen, Psychologen, Juristen und Philosophen haben hierüber am 20. und 21. November an der Berliner Humboldt-Universität diskutiert.

„Wir brauchen eine grundsätzlich neue mikroökonomische Theorie. Der klassische Optimierungsansatz muss durch etwas anderes ersetzt werden, wenn man weiterkommen will bei der Erklärung ökonomischen Verhaltens“, sagte Nobelpreisträger Reinhard Selten. Mit großer Lust am Provozieren stellte er das klassische rationale Menschenbild der Ökonomen in Frage – und kritisierte auch seine Forscherkollegen auf dem Feld der begrenzten Rationalität für mangelnde Konsequenz und Radikalität. Ein „neoklassischer Reparaturbetrieb“ könne nicht wirklich zu einem besseren Verständnis ökonomischen Verhaltens beitragen. Zudem forderte Selten auf dem von Studenten organisierten Humboldt-Forum Wirtschaft die strikte Einhaltung statistischer Standards bei der Auswertung von Experimenten.

„Die Mikrotheorie neu aufzubauen ist ein mühsamer Prozess. Wir müssen eine breite experimentelle Grundlage erarbeiten. Das geht nicht nur durch „Armstuhl-Theorien“. Und es wird uns noch mindestens einige Jahrzehnte beschäftigen. Doch schon jetzt ist mehr vorhanden als im allgemeinen angenommen wird“, sagte Selten in der Diskussion.

Dirk Engelmann, Professor für an der University of London, arbeitet als experimenteller Wirtschaftsforscher ebenfalls zu begrenzter Rationalität. Er betonte: „Rationalität heißt nicht nur Geld- oder Einkommensmaximierung.“ Warum interessieren sich also Ökonomen für alternative Rationalitätskonzepte? Das versuchte Dorothea Kübler, Lehrstuhlinhaberin für Mikroökonomie an der Technischen Universität Berlin, zu begründen. So deute die empirische Evidenz darauf hin, dass Menschen in der Realität weit weniger rational agieren als es ein „homo oeconomicus“ tun würde. Ein Beispiel sei das Verhalten von Menschen bei Pferderennen: Die Leute setzen zu viel auf Außenseiter, zu wenig auf Favoriten. Dies lasse sich damit erklären, dass Menschen systematisch kleine Wahrscheinlichkeiten überschätzen, große hingegen unterschätzen. Zum Kern dieser so genannten „Prospect“-Theorie gehöre auch, dass Menschen sich weniger über einen Gewinn freuen als sie einen Verlust in gleicher Höhe bedauern. Es gebe durchaus geeignete ökonomische Instrumente, um exakte Theorien realen menschlichen Verhaltens aufstellen, betonte Kübler.

Warum ist es Menschen eigentlich gar nicht möglich rational zu handeln? „Wir haben zwar ein großes Langzeitgedächtnis, aber nur ein kleines Kurzzeitgedächtnis. Das heißt, wir haben eine enorme Festplatte, aber einen sehr geringen Arbeitsspeicher“, erklärte Wolfgang Scholl, Professor für Organisations- und Sozialpsychologie an der Humboldt-Universität Berlin. Außerdem: Menschen seien nicht nur egoistisch veranlagt, sondern auch durch ihre soziale Identität geprägt. Und sie üben Macht aus in Unternehmen und anderen Organisationen – und behindern oft den Informationsfluss und den Wissenszuwachs. Das hätten Experimente und Fallstudien, unter anderem zu Innovationen in Unternehmen, gezeigt. Statt Rationalitätsphantasien nachzulaufen, sollten sich die Ökonomen anschauen, wie Menschen schrittweise lernen und Erfahrungen verarbeiten, forderte Scholl seine Kollegen auf.

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  • „Wir brauchen eine grundsätzlich neue mikroökonomische Theorie. Der klassische Optimierungsansatz muss durch etwas anderes ersetzt werden, wenn man weiterkommen will bei der Erklärung ökonomischen Verhaltens“ sagte Nobelpreisträger Reinhard Selten.
    Dem kann ich nur zustimmen! Der neue Ansatz muss mit der optimalen Zweiteilung einer Arbeit beginnen. Sie lässt sich als ein mathematisch/ökonomisches Extremwertproblem einfachster Art beschreiben. Die kombinatorischen Konsequenzen zeigen anschließend den kettenreaktiven Charakter der weitern arbeitsteiligen Entwicklung.
    Mehr dazu auf www.optimale-arbeitsteilung.de oder meinen Veröffentlichungen,
    Gerd-Peter Leube
    Erfurt

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