Im Gespräch mit: Ökonom Allan H. Meltzer
„Der IWF sollte die Armutsbekämpfung aufgeben“

„Der Internationale Währungsfonds hat seine Funktion verloren – und findet keine neue", meint der Ökonom Allan H. Meltzer. Mit dem Handelsblatt spricht der berühmte Geldmarkttheoretiker über die Fehler des IWF, die schwindende Bedeutung des Fonds – und was der neue Chef machen sollte.

Mit Rodrigo de Rato verlässt zum zweiten Mal hintereinander ein Managing Director des IWF vorzeitig sein Amt. Welcher Schaden wird dem Fonds dadurch zugefügt?

Das größte Problem ist nicht in erster Linie das Ausscheiden von Herrn de Rato. Das größte Problem des IWF besteht heute darin, dass der Fonds seine Funktion verloren hat – und dass er keine neue findet. Und die Kommentare von Dominique Strauss-Kahn, die er seit seiner Nominierung gemacht hat, deuten darauf hin, dass der IWF die falsche Richtung einschlägt.

Warum?

Strauss-Kahn spricht davon, dass man den Armen mehr helfen müsse, indem man ihnen Geld leiht. Aber die gesamte Erfahrung aus den vergangenen 25 Jahren zeigt in eine andere Richtung. Man hilft den armen Ländern tatsächlich am besten dadurch, indem man sie dazu bringt, ihren innenpolitischen Kurs zu ändern. Das heißt: Den Markt zu öffnen, Recht und Gesetz Geltung zu verschaffen, weniger korrupt und dafür offen und attraktiv zu sein für Auslandsinvestitionen. Das sind die Dinge, um dies es geht. China und Indien haben die Armut in ihren Ländern in einem Jahr stärker reduziert als dies dem IWF in 40 Jahren gelungen ist.

Sie schlagen deshalb vor, dass der IWF das Arbeitsfeld der Armutsbekämpfung komplett aufgibt?

Ja, vollständig. Auf diesem Gebiet gibt es einfach nicht viel, was der IWF tun kann. Es ist erschreckend, welche Bilanz der IWF und die Weltbank hier vorzuweisen haben. Es gibt heute noch immer weite Teile Afrikas, in denen die Menschen kein sauberes Trinkwasser haben, keine sauberen Abwässerkanäle, Regionen, in denen die Menschen nicht geschützt sind vor Masern oder Malaria. Dass dies nicht gelungen ist, ist eine Schande.

Ist das Versagen von IWF und Weltbank auch dafür verantwortlich, dass jetzt China auf dem afrikanischen Kontinent so sehr Fuß fasst?

Ja, China investiert dort und hilft dabei, Bodenschätze zu heben. Und das ist sicher hilfreicher als alles, was die Weltbank dort unternimmt.

Was läuft strukturell schief beim IWF?

Das größte Problem ist, dass er keine eigenen Ressourcen hat. Wenn seine Schuldner ihr Geld zurückbezahlt haben, so wie etwa die Türkei (der letzte große Schuldner, d. Red.), dann hat der Fonds praktisch keinerlei ausstehenden Forderungen (und Zinseinnahmen, d. Red.) mehr. Deshalb muss er sich um seine Finanzierungsprobleme kümmern. Der IWF kann nicht mit den Problemen anderer umgehen, bevor er nicht seine eigenen Probleme angepackt hat.

Seite 1:

„Der IWF sollte die Armutsbekämpfung aufgeben“

Seite 2:

Seite 3:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%