Interview mit Gerd Gigerenzer
„Wir sollten dem Bauch vertrauen“

Gerd Gigerenzer, Psychologe und Autor, gehört zu den erfolgreichsten und umstrittensten Sozialwissenschaftlern Deutschlands. Im Handelsblatt-Interview spricht Gigerenzer über die Nachteile komplexer analytischer Methoden. Faktenhuberei könne die Sicht vernebeln. Wenn es hart auf hart kommt, sollten sich Fachleute auf ihre Intuition verlassen.

Handelsblatt: Ihr Buch „Bauchentscheidungen“ ist in 17 Sprachen übersetzt und 2007 in Deutschland zum Wissenschaftsbuch des Jahres gewählt worden. Mich erinnern Sie trotzdem an den Bömmel.

Gigerenzer: An wen bitte?

Den Gymnasialprofessor aus der Feuerzangenbowle, der bei der Erklärung der Dampfmaschine zu seinen Schülern zu sagen pflegte: „Jetzt stellen wir uns mal janz dumm.“

In der Tat, unsere These, dass weniger Information mitunter zu besseren Entscheidungen führen kann, widerspricht der klassischen Entscheidungstheorie und wird immer noch heiß debattiert. Aber wir haben Fakten.

Sie wollen also unserer Wissensgesellschaft ernsthaft sagen, man solle auf seinen Bauch hören?

Sie sollten es sich nicht ganz so einfach machen. Wir sind mit unseren Untersuchungen am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung seit Jahren dem Phänomen auf der Spur, dass man mit heuristischen Methoden, also mit einfachen Faustregeln, in vielen Fällen schneller, ökonomischer und auch besser entscheiden kann als mit komplexen analytischen Methoden.

Und wie begründen Sie das?

Weil wir in einer Welt der Unsicherheiten leben. Große Teile der ökonomischen Forschung haben sich mit der Frage der Optimierung beschäftigt, aber diese setzt eine stabile Welt voraus, in der es keine Überraschungen gibt und alle Unsicherheiten quantifiziert werden können. Ich beziehe mich in diesem Zusammenhang gern auf Harry Markowitz, der für seine komplexe Methode zur Portfolio-Optimierung 1990 den Nobelpreis erhielt. Doch für seine eigene Altersvorsorge hat er selbst eine einfache Heuristik benutzt, die 1/N-Regel.

Die was besagt?

Verteile dein Geld gleichmäßig; wenn du zwei Alternativen hast, 50 zu 50 und so weiter. Wir haben es hier mit dem Grundproblem zu tun, dass Optimierungsstrategien in der Regel große Datenmengen benötigen, um ihre Parameter zuverlässig zu schätzen. Um wirklich besser zu sein als die simple 1/N-Regel, bräuchte man bei 50 Alternativen die Aktiendaten von etwa 500 Jahren.

Sie schenken professionellen Finanzberatern also eher wenig Vertrauen?

Es gibt eine schwedische Studie, in der eine Gruppe von Experten gefragt wurde, welche von je zwei Aktien morgen besser abschneiden wird. Zur Kontrolle wurde eine Gruppe von Laien getestet. Die Laien lagen zu 50 Prozent richtig, also Zufall; die Experten kamen auf 40 Prozent.

Haben Sie noch mehr solche vertrauensstiftenden Beispiele?

Jede Menge: Sie brauchen sich doch nur die Prognosen von vielen Wirtschaftssachverständigen anzusehen. Kennen Sie eine, die in den letzten beiden Jahren richtig lag? Ein anderes Beispiel ist das Börsenspiel des Magazins Capital aus dem Jahr 2000. Der Chefredakteur hatte 50 Internetaktien ausgewählt, die Teilnehmer sollten daraus ein möglichst erfolgreiches Portfolio bauen. Viele der mehr als zehntausend Teilnehmer versuchten, sich möglichst viel Information und Insiderwissen zu verschaffen oder Hochleistungscomputer einzusetzen. Der Ökonom Andreas Ortmann und ich haben dagegen eine einfache Heuristik getestet, die schon Peter Lynch empfohlen hat: „Investiere in das, was du kennst.“ Dazu braucht man halb-ignorante Personen, die nicht alle Aktien kennen. In Berlin fragten wir 100 Passanten – 50 Männer und 50 Frauen –, von welchen der 50 Aktien sie schon gehört hatten, und bildeten aus den zehn am häufigsten wiedererkannten Aktiennamen ein Portfolio. Obwohl wir auf einen Baissemarkt trafen, machte unser Aktienpaket Gewinn und schlug das Portfolio des Chefredakteurs um Längen und auch 88 Prozent der Konkurrenten.

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