Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik
Im Osten nichts Neues?

Die Misere der neuen Länder war zentrales Thema auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik

Mitte der 90er Jahre waren es kleine rote Punkte. Um die Jahrtausendwende verwandelten sie sich in immer größere Flecken, inzwischen haben sie sich auf fast auf die gesamte Fläche der neuen Bundesländer ausgeweitet. Mit der Signalfarbe Rot visualisiert der Ökonomie-Professor Harald Uhlig von der HU Berlin das Ausmaß der Abwanderung aus den neuen Bundesländern. „Ostdeutschland stirbt langsam aus“, warnt der international renommierte Wissenschaftler Ende vergangener Woche auf der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS) in Bayreuth

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Die wirtschaftliche Misere in den neuen Bundesländern war auf dem Treffen von mehr als 700 Wirtschaftswissenschaftlern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eines der zentralen Themen. Gleich zwei Panel-Veranstaltungen waren dem Thema gewidmet, mehrere Top-Ökonomen präsentierten neue Forschungsergebnisse zum Thema Ostdeutschland.

Der Makroökonom Uhlig hält den Bevölkerungsschwund und seine Ursache für Kernprobleme der ostdeutschen Wirtschaft. Vor allem junge, gut ausbildete Fachkräfte im Alter von 18 bis 30 Jahren verlassen Ostdeutschland, weil sie keine Jobs finden. Die Hoffnung, dass sich dadurch die Abwanderung die Arbeitsmarktprobleme von alleine lösten, sei trügerisch. Denn weil gerade die produktivsten Köpfe gingen, würden Investitionen für Unternehmen in immer mehr Ost-Regionen unattraktiv. „So entwickelt sich ein Teufelskreis, in dem sich beide Effekte gegenseitig verstärken“, warnt Uhlig.

Eine ähnliche These stellte die Forscherin Nicola Fuchs-Schündeln auf, Assistenz-Professorin an der US-Eliteuniversität Harvard. Mit einer aufwändigen empirischen Studie hat sie untersucht, warum die Arbeitsproduktivität im Osten geringer ist als im Westen. Der Hauptgrund dafür sei nicht, dass die Menschen in den neuen Ländern schlechter ausgebildet seien – es liege vielmehr an den Charakteristiken der dortigen Arbeitsplätze. Ihr Hauptargument dafür: Wäre die Leistungsfähigkeit der Ostdeutschen geringer als die der Westdeutschen, dann dürften Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern auch in den alten keine Jobs finden. Tatsächlich aber ist das Gegenteil der Fall, wie Fuchs-Schündeln zeigt. Je näher Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern an der ehemaligen Zonengrenze wohnen, desto mehr von ihnen pendeln zum Arbeiten in die alten Länder.

„Mit der Qualität der Arbeitskräfte kann man die Produktivitätsunterschiede zwischen West und Ost daher nicht erklären“, sagte die Forscherin. „Vielmehr kann etwas mit der Qualität der Arbeitsplätze im Osten nicht stimmen.“

Diesen Erklärungsansatz stützen Daten, die Joachim Ragnitz vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle vorlegte. In Ostdeutschland seien fast 31 Prozent aller Beschäftigte hoch qualifiziert, im Westen dagegen nur knapp 23 Prozent. Umgekehrt gebe es im Osten nur rund sechs Prozent Geringqualifizierte, im Westen aber 17 Prozent. Allerdings werde das an sich bessere Humankapital des Ostens durch die hohe Arbeitslosigkeit „entwertet“, warnte Ragnitz. Zudem würden viele Beschäftigte im Osten unter ihren Möglichkeiten eingesetzt – darunter leide die Arbeitsproduktivität.

Besonders schädlich ist die geringe Produktivität der Arbeitskräfte in Kombination mit zu hohen Löhnen, mahnte Dennis Snower. Der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft hat gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Merkl in einem Modell vorgerechnet: Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland könnte auf dem Niveau der westdeutschen liegen und damit nahezu halb so hoch sein – wenn die Löhne im Osten nach dem Mauerfall getrennt von denen im Westen verhandelt worden wären, das Verhältnis des Arbeitslosengeldes zum durchschnittlichen Lohnniveau geringer und der Kündigungsschutz lockerer wäre.

Snower und Merkl stellen zudem die These auf, dass die Wiederaufbau-Hilfe aus dem Westen kontraproduktiv ist. Nicht trotz, sondern gerade wegen der regelmäßig gezahlten hohen Unterstützungsleistungen stecke die ostdeutsche Wirtschaft in massiven Schwierigkeiten.

Eine „Umarmung Ostdeutschlands durch die westdeutschen Institutionen“ bemängelt auch HU-Ökonom Michael Burda. Trotzdem blickt der Amerikaner verglichen mit seinen Kollegen optimistisch in die ostdeutsche Zukunft: „Der Osten gewinnt an Wettbewerbsfähigkeit.“ Seine Zuversicht speist sich vor allem aus Daten über das verarbeitende Gewerbe. Während sich die Bauwirtschaft wie der öffentliche Sektor langsam gesund schrumpfe, wachse die Industrie verglichen mit der im Westen.

Die positive Entwicklung in der Industrie werde derzeit noch von den schrumpfenden Branchen überlagert und vollziehe sich daher weitgehend unbemerkt. Das werde sich aber ändern, prognostiziert Burda.

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