Makroökonomie
Im Rausch von Keynes

In Rekordzeit hat die Welt die Konzepte des Krisenökonomen wiederentdeckt. Was aber würde Keynes selbst heute empfehlen? Der fünfte und letzte Teil der großen Keynes-Serie im Handelsblatt.
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Für Helmut Schmidt besteht kein Zweifel. Welches Buch er heute Ökonomie-Studenten unbedingt zur Lektüre empfehlen würde, fragte eine angehende Wirtschaftsjournalistin den Altkanzler vor einigen Wochen auf einem Kongress in Köln. "Keynes", antwortete der studierte Volkswirt Schmidt. "In der heutigen Zeit muss man wieder Keynes lesen, die ,General Theory' von 1936."

Tatsächlich entdeckt die Welt den Krisenökonomen und seine Theorien derzeit im Eiltempo wieder. Rund um den Globus steckt die Wirtschaft in der tiefsten Krise seit der Großen Depression. In diesem Jahr dürfte die gesamte Weltwirtschaft erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg schrumpfen, erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF).

Alle Industrienationen haben daher in den vergangenen Monaten gigantische Konjunkturprogramme aufgelegt. In Rekordzeit, in Rekordvolumen. Begonnen hat der Keynes-Rausch mit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers im September 2008. Danach brach die Konjunktur zusammen - schlagartig und weltweit. Besonders beunruhigend dabei: Eine Reihe von Studien zeigt, dass Rezessionen, die durch Finanzkrisen verursacht werden, in aller Regel deutlich schlimmer sind als andere Abschwünge - sie dauern länger und sind oft tiefer.

In Deutschland kommt ein weiteres Problem hinzu: Viele der beschlossenen Punkte wirken erst mit erheblicher Verspätung. Die Beiträge zur gesetzlichen Krankenversicherung zum Beispiel sinken erst ab Juli 2009. Die bessere steuerliche Anrechenbarkeit der Ausgaben für die Kranken- und Pflegeversicherung - streng genommen gar nicht Teil der Konjunkturpakete, sondern Folge eines Gerichtsurteils-gilt erst ab 2010. Insgesamt fließt mindestens die Hälfte der 84,9 Milliarden Euro, die Deutschland zur Rettung der Konjunktur ausgibt, frühestens im kommenden Jahr.

Inhaltlich dagegen tragen wichtige Teile des von der Bundesregierung beschlossenen Konjunkturpakets erkennbar keynesianische Handschrift. So stützen das höhere Kindergeld und der Kinderbonus, die großzügigeren Steuerfreibeträge und die niedrigeren Beiträge zur Krankenversicherung die Konsumneigung der privaten Haushalte.

Die 17,7 Mrd. Euro für staatliche Investitionen erhöhen direkt die Gesamtnachfrage, ebenso wie die Abwrackprämie für Neuwagenkäufer. Zwar stimmt die Kritik, dass durch die 2500 Euro Staatszuschuss für Neuwagen-Käufer viele Autokäufe nur zeitlich vorgezogen werden und es später zu einer Gegenbewegung kommt.

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