Neoklassiker
Ritterschlag für empirische Makroökonomen

Mit Thomas Sargent und Christopher Sims zeichnet das Nobelpreiskomitee zwei Vertreter der traditionellen Mainstream-Makroökonomie aus, die mit für die globale Finanz- und Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht wird.
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LondonThomas Sargent hat zusammen mit Robert Lucas, der bereits 1995 den Nobelpreis erhielt, den Keynesianismus vom Sockel gestoßen. Die Makro-Modelle, die Lucas und Sargent propagierten, suggerierten vor allem eins: Der Staat hat wenig Handlungsspielraum, um mit Geld- oder Konjunkturpolitik die wirtschaftliche Entwicklung positiv zu beeinflussen.

Kritiker werfen diesen Modellen heute Realitätsferne vor – so gibt es in den Makro-Modellen von Sargent zum Beispiel überhaupt keinen Bankensektor. Denn die Forscher unterstellten, dass das Finanzsystem stets reibungslos funktionierte. Zudem nahmen sie an, dass sich alle Akteure stets vollständig rational verhalten.

In der Begründung für den Preis hebt das Stockholmer Komitee nicht die Modelle hervor, sondern die empirischen Arbeiten von Sargent. Dieser hat Methoden entwickelt, um die Prognosekraft von theoretischen Makromodellen zusammen mit Daten aus dem richtigen Leben besser beurteilen zu können. Auch Christopher Sims hatte Anfang der 80er Jahre eine Methode entwickelt, um Ursache und Wirkung bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel Konjunkturprogrammen oder Leitzinsänderungen klarer messen zu können. Er fand einen Weg, um lange Zeitreihen von Daten zu untersuchen, ohne sie vorher in ein enges theoretisches Korsett pressen zu müssen. Makroökonomen sprechen von “vektorautoregressiven Modellen”. Anders als bei traditionellen makroökonomischen Modellen versuchen Volkswirte dabei, reale Daten mit minimalen Annahmen zu verstehen.
Beide Methoden ermöglichten es Volkswirten, Ursache und Wirkung von wirtschaftspolitischen Enscheidungen wie Steuersenkungen oder Zinserhöhungen besser abschätzen zu können, heißt es in der Begründung aus Stockholm.

In der breiteren Öffentlichkeit bekannt ist vor allem Sargent. Er und seine Mitstreiter propagierten in den 70er Jahren die so genannte "Mikro-Fundierung" makroökonomischer Modelle- gesamtwirtschaftliche Ergebnisse müssten aus den Aktionen der einzelnen Akteure hergeleitet werden. In den bis dahin üblichen keynesianischen Modellen seien die makroökonomischen Zusammenhänge nicht stringent aus Annahmen über das wirtschaftliche Verhalten der Verbraucher und Unternehmer abgeleitet. Dabei müssten vor allem die Erwartungen, die die Menschen an die Zukunft haben, berücksichtigt werden. Sargent und Lucas postulierten dabei, dass die Menschen ihre Erwartungen „rational“ bilden und sich stets alle verfügbaren Informationen in den Erwartungen niederschlagen.
Wirtschaftliche Entscheidungen sollten nur mit ökonomischem Kosten-Nutzen-Kalkül erklärt werden. Andere Faktoren - zum Beispiel kulturelle Vorlieben oder Fairness-Überlegungen - sollten ausgeklammert werden. Zudem wird in den Makro-Modellen angenommen, dass sich Menschen rational und egoistisch verhalten. Preise und Löhne, so eine weitere Prämisse, seien flexibel und passten sich schnell an. Zudem liegt diesen Modelln die Grundannahme zugrunde, dass es ein eindeutiges stabiles Gleichgewicht in der Gesamtwirtschaft gebe. In wichtigen Punkten lehnt sich diese Denkschule an die vor Keynes gängige, „klassische“ Theorie an und wird daher auch „Neoklassik“ genannt.

Die Forschung von Christopher Sims ist weniger stark politisch aufgeladen. Er hat Anfang der 80er Jahre eine Methode entwickelt, um Ursache und Wirkung bei wirtschaftspolitischen Maßnahmen wie zum Beispiel Konjunkturprogrammen oder Leitzinsänderungen klarer messen zu können.

Kommentare zu " Neoklassiker: Ritterschlag für empirische Makroökonomen"

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  • Herzlichen Glückwunsch und vielen Dank zu dieser kleinen, feinen Richtigstellung. Hier schreibt - in wohltuend unaufgeregter Weise - wohl jemand, der über fundierte ökonometrische Bildung verfügt. Freue mich auf mehr derartiger Beiträge in diesem Forum, welches sich sonst eher in Dogmenstreitigkeiten verliert.

  • Unter Umständen wirkt nicht einmal deficit spending: Wir sehen gerade in den USA, daß Konjunkturprogramme ziemlich wirkungslos verpuffen, weil easy money gespart bzw. gehortet wird.

    Bemerkenswert ist dabei, daß im Bereich von Rohstoffen und Halbfabrikaten die Preise deutlich kräftiger steigen (z.T. auch auch Kostengründen im Einkauf), diese inflationäre Tendenz in den Endverbraucherprodukten weniger stark zum Tragen kommt - sie sind nicht durchsetzbar, weil die Nachfrage schwächelt. Näheres zu CPI und PPI hier: http://www.bls.gov/cpi/

  • k.h.a.
    hat Recht, insofern als die Politik Defizitspendingsummen in der nachfolgenden Konjunkturphase niemals aus dem Wirt-schaftskreislauf herausgezogen hat, wie Keynes es verlang-
    te. Keynes hat Recht, weil ein starker Wirtschaftseinbruch
    ohne Defizitspending angesichts des dann verstärkten Zwan-ges zum Sparen zu einer Deflation führt, die schlimmer als eine Inflation wäre.

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