Neues Buch von Timothy Geithner
Ansichten eines Bankenretters

Als das amerikanische Finanzsystem zusammenbrach, war er US-Finanzminister: Timothy Geithner entschied über Milliardenhilfen für Banken. Jetzt beschreibt er, warum es ein Fehler war, nicht auch Lehman zu retten.
  • 3

San Francisco„Stress Test“ ist ein typisches Buch aus Washington. Eine Abrechnung mit Kritikern und Weggefährten, der Versuch, eine Version von Ereignissen aus eigener Sicht zu zementieren, so wie sie später in den Geschichtsbüchern stehen soll. Es geht um nichts Geringeres als die Bewältigung der weltweit größten Finanzkrise seit der Großen Depression 1929. Geithner war bis 2009 Chef der New Yorker Fed und danach Finanzminister, also während kritischer Phasen in absoluten Schlüsselpositionen.

Offenbar ist das 38 Dollar teure, gut 500 Seiten starke Buch kein Kassenschlager: „Drei Stück haben wir bestellt, sind alle noch da“, flötet die Buchhändlerin am Erstverkaufstag in San Francisco. Brisant ist der Inhalt aber deshalb nicht weniger. Schon im Klappentext erfährt der Leser, dass Geithner in seinen Memoiren die „harten und politisch unbeliebten“ Entscheidungen darlegen wird, die er fällen musste, um ein „kaputtes Finanzsystem zu reparieren und den Kollaps der Wirtschaft zu verhindern“. Starke Sätze, die man mit Erstaunen auf dem Weg nach Hause liest, und sich unweigerlich fragt: Das Finanzsystem ist bereits repariert? Das war nicht nur eine Notoperation?

Starinvestor Warren Buffett ist auf dem Schutzumschlag verewigt mit der Einschätzung „Sensationell … Tims Buch wird ewig das Standardwerk dazu sein, wie Finanzkrisen entstehen und was man machen muss, um sie einzudämmen.“ Geithners Rezept dafür: Märkte mit billigem Geld überfluten und Banken retten.

Der ehemalige Finanzminister nimmt in seinen „Überlegungen zur Finanzkrise“ für sich in Anspruch, nicht nur die treibende Kraft hinter einem wichtigen Teil der Lösung der Krise gewesen zu sein, dem Bailout der Banken, dem Freikaufen der Finanzgiganten mit Steuermilliarden. Er stellt auch fest, dass er das einzig Richtige gemacht hat, als er die Großbank Bear Stearns mit Milliardensummen vor dem Kollaps gerettet und dabei eigentlich die Grenzen des Machbaren überschritten hat. Die Pleite von Lehmann Brothers war falsch und es hätte sie ebenfalls nicht gegeben, wenn er die nötige Macht gehabt hätte, stellt er fest. Hatte er aber nicht, bedauert er gleich darauf, und andere freuen sich darüber im Nachhinein. Lehmann ist pleite, die Welt existiert noch. Und die Frage, was wirklich passiert wäre, wenn das deutlich kleinere und unbedeutendere Bear Sterns insolvent gewesen wäre, kann man heute nicht mehr beantworten.

Doch das ficht Geithner nicht an. Er mokiert sich über die „Moral Hazard Fundamentalisten“ oder die „Alten Testament“-Typen, die glauben, man würde die Spieler im Finanzsystem nur zu immer größerem Wahnsinn anstacheln, wenn man ihnen klarmache, dass man sie schon heraushauen werde, wenn etwas schief läuft. Oder die nach dem Motto „Auge um Auge“ verlangen, dass die Zocker eben dann auch alle Konsequenzen tragen müssten.

Er vertritt ein anderes Credo: Wenn es darum geht, eine Panik zu verhindern, dann muss Vertrauen gesichert werden. Und der Kollaps des Finanzsystems hätte für den kleinen Mann schlimmere Auswirkungen als für die Finanzbrache an sich. „Das Gras wird zerdrückt, wenn Elefanten fallen“, malt er plastisch aus, was der Durchschnittsbürger zu erwarten gehabt hätte, wenn das Finanzsystem nicht gerettet worden wäre.

Vertrauen, jedenfalls das Vertrauen der Finanzmärkte, geht einfach über alles bei Geithner. Als sich das Management des in apokalyptischen Problemen steckenden und mit hunderten Milliarden Dollar geretteten Versicherungsgiganten AIG schamlos riesige Erfolgsboni ausschüttete, blieb er kühl, obwohl die Öffentlichkeit vor Wut durchdrehte. Das waren private Verträge, in die der Staat nicht eingreifen dürfe, entschied er. Sonst würden die Bürger das Vertrauen in den Staat verlieren.

Seite 1:

Ansichten eines Bankenretters

Seite 2:

„Versprechen an die Amerikaner gebrochen“

Kommentare zu " Neues Buch von Timothy Geithner: Ansichten eines Bankenretters"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Warum finde ich in dieser Rezension nichts über den Rest in Geithners Buch?
    Aufschlussreich sind die Berichte über die wichtigsten EU-Krisengipfel, über Schäubles Plan, Griechenland aus dem Euro zu nehmen usw. usw.
    Stattdessen tut das Handelsblatt so, als sei dies Buch nur das dumme Geschreibsel eines eitlen ehemaligen Provinzpolitikers.
    Liebes HB, es kann sowieso nicht mehr verhindert werden, das wir Leser mehr erfahren und NOCH EU-kritischer werden. Warum also uns weiterhin Wichtiges verschleiern?

  • Wer kann wissen was tatsächlich geschehen wäre, hätte Lehmann die damalige Krise überlebt: bei der damaligen Eigendynamik wäre es ggf. jedenfalls ebenso denkbar gewesen, dass ein späterer, weitaus größerer Kollaps mit weitaus unüberschaubereren Risiken als ohnehin schon, selbst Bankenrettungen kaum noch möglich hätte erscheinen lassen können.
    Gleichwie: hätte, hätte Fahrradkette...

  • Ein überflüssiges Buch mehr von einen korrupten und verlogenen Menschen....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%