Ökonomenstreit
Christian Dustmann: "Deutsche VWL ist verknöchert"

Christian Dustmann, Professor für Volkswirtschaftslehre (VWL) am University College London, widerspricht der Kritik von 83 seiner deutschen Kollegen, die die moderne VWL für zu theoretisch und abstrakt halten. An weiten Teilen der deutschen VWL, so Dustmann, sei die "globale Entwicklung unserer Disziplin leider etwas vorbeigegangen". Lesen Sie Dustmanns provokanten Gastbeitrag für Handelsblatt.com
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Die Volkswirtschaftslehre ist eine globale Wissenschaft: Sie wird in den USA ähnlich betrieben wie in Spanien, Singapur, Australien oder Mexiko. Die wichtigen und einflussreichen Volkswirte Ihrer jeweiligen Dekade sind weit über Ihre nationalen Grenzen hinaus bekannt und anerkannt, und Ihre Arbeiten beeinflussen die Disziplin und das Arbeiten junger Ökonomen weltweit.

Nun ist in den letzten Jahrzehnten die globale Entwicklung unserer Disziplin leider etwas an Deutschland vorbeigegangen. Die angel-sächsischen Länder, und vor allem natürlich die USA, beeinflussen seit Jahrzehnten die Richtung in der modernen Volkswirtschaft entscheidend. Und diese Richtung ist vor allem eine empirische Richtung: Mit empirischen Methoden werden theoretisch motivierte und abgeleitete Hypothesen anhand oft großer Datensätze empirisch überprüft und getestet. Dieses hat zu einem großen Erkenntnisgewinn in vielen Bereichen der Ökonomie geführt, wie zum Beispiel für das Verständnis der Auswirkungen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, der Effekte von Erziehung und Schulbildung auf beruflichen Erfolg, oder dem Verständnis von Armut und Ungleichheit.

Leider aber haben sich in Deutschland in der Vergangenheit die Strukturen in Lehre und Forschung nicht entsprechend modernisiert, und die deutsche Forschung in der Ökonomie ist (aus internationaler Perspektive) stark unterrepräsentiert, sowohl in Qualität als auch in Quantität. In den 70er-90er Jahren hat die Lehre der Volkswirtschaft die dominierenden neuen Ansätze in den angelsächsischen Ländern, wo die empirisch ausgerichtete Wirtschaftsforschung sich stark entwickelte, nicht oder kaum aufgenommen. Das lag teilweise daran, dass sich die etablierte Klasse der Volkswirte nicht auf moderne und neue Entwicklungen einlassen wollte, und sich auch nicht dem internationalen Wettbewerb in der Disziplin stellte. Ursache hierfür waren vor allem fehlende Anreize, auf international hochwertigem Niveau zu forschen, und überholte Karrierestrukturen, mit der „Habilitation“ als Nukleus.

Diese Verknöcherung der Lehrinhalte hat in den letzten 10-20 Jahren zu einem bedauerlichen und starken Abgang talentierter junger deutscher Ökonomen geführt, die ihre Ausbildung und Karriere mit modernen Lehrinhalten jetzt im angelsächsischen Raum absolvieren. Eine Erneuerung der Strukturen in Deutschland ist dringend notwendig, und auch möglich, zum Beispiel dadurch, dass man Wissenschaftler aus dem Ausland zurückgewinnt, ihnen optimale Forschungsumgebungen schafft, und Ihnen die Möglichkeit gibt, die existierenden Strukturen zu reformieren und zu erneuern. Die Universität Köln hat da einen mutigen Schritt in die richtige Richtung gewagt.

Der Aufruf der 83 Professoren zur „Rettung der Wirtschaftspolitik and den Universitäten“ erscheint in diesem Licht wie ein Versuch, diese jüngsten positiven Entwicklungen der Erneuerung zu blockieren und wieder rückgängig machen zu wollen. Die klassische deutsche Wirtschaftspolitik, die so lobend erwähnt wird, ist im angelsächsischen Raum schon lange ersetzt worden durch moderne empirische Wirtschaftsforschung: eine theoriegebundene und theoriemotivierte Analyse von für die öffentliche Diskussion relevanten ökonomischen Abläufen und Institutionen, mit dem Ziel, wissenschaftlich fundierte Empfehlungen an die wirtschaftspolitischen Entscheidungsträger abzuleiten - eigentlich genau das, was von den Unterzeichnern des Aufrufes gefordert wird. Nur leider kann dieses Ziel von der antiquierten deutschen Wirtschaftspolitik nicht geleistet werden, da ihr das konkrete Analyseinstrumentarium fehlt, um gehaltvolle und belastbare Politikberatung auf Basis wissenschaftlicher Forschung durchzuführen. Lehre und Forschung erfordern neue, relevante und moderne Inhalte, um mit neuen Herausforderungen umgehen zu können, und wissenschaftlich wohl fundierte Politikempfehlungen geben zu können.

Im Ausland und insbesondere im angelsächsischen Raum opfern die Ökonomen nicht – wie in dem Aufruf behauptet wird – die Realitätsnähe ihrer Analysen dem Ziel formal-logischer Stringenz; und sie sind auch ganz sicher nicht realitätsfremd. Ganz im Gegenteil: der wissenschaftlich gut fundierte Rat der angelsächsischen Spitzenökonomen wird gerne gehört und auch umgesetzt – das zeigt insbesondere das Beispiel der USA, wo die politisch einflussreichsten Ökonomen auch gleichzeitig unter internationalen Fachkollegen die größte wissenschaftliche Anerkennung genießen, und auf sehr hohem wissenschaftlichen Niveau arbeiten. Beispiele sind Ben Bernanke, der Chef der amerikanischen Zentralbank, Ed Lazear, der Chefökonom unter G.W. Bush, Larry Summers, augenblicklich Chefökonom unter Barak Obama, oder Alan B. Krueger, Staatssekretär für wirtschaftspolitische Fragen des US-Finanzministeriums. Aus meiner Sicht ist das in Deutschland nicht erkennbar: Es hat sich kaum ein Vertreter des Faches „Wirtschaftspolitik“ in der Politikdiskussion etabliert, der gleichzeitig ein hohes internationales wissenschaftliches Renommee aufweist.

Der Vorwurf, dass sich Ökonomen (in den Vereinigten Staaten) aus der Wirklichkeit zurückziehen, da die Karriereanreize in ihrem Fach verzerrt sind, ist fast absurd. Es sind doch gerade die Karriereanreize im angelsächsischen System, die Top-Ökonomen an angelsächsischen Universitäten zu wissenschaftlichen Arbeiten bewegt haben, die über Jahrzehnte hinweg konkurrenzlos die Richtung für die Volkswirtschaft gewiesen haben. Und es ist der Mangel an Anreizmechanismen an den deutschen Hochschulen, der den geringen, wissenschaftlich wenig richtungweisenden Forschungsoutput erklärt (von einigen Ausnahmen oft jüngerer Wissenschaftler einmal abgesehen). Ein solcher Vorwurf ist nur erklärbar, wenn die Entwicklungen in der modernen Ökonomie über die letzten Jahrzehnte entweder nicht gesehen und verstanden oder für Deutschland nicht gewollt werden. Volkswirtschaft ist – wie alle Sozialwissenschaften – eine Disziplin, die dem kontinuierlichen Wandel unterliegt und ständige Erneuerung in Lehre und Forschung erfordert. Wer diesen Wandel nicht will und die notwendigen Erneuerungen blockiert, verhindert, das Deutschland der Aufstieg in eine Führungsposition der modernen volkswirtschaftlichen Forschung gelingt, konterkariert positive Ansätze in den letzten Jahren, und zwingt weiterhin einen Großteil der besten jungen deutschen Ökonomen, Ihre Karriere und Schaffenskraft ins Ausland zu verlagern.

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