Ökonomie des Schenkens
Geschenke für die Tonne

Weihnachten ist nicht nur das Fest der Liebe, sondern auch eine gigantische  Wertvernichtung – glauben manche Ökonomen. Die Argumentation klingt in der Theorie plausibel, hat aber Schwächen. Denn wo bleibt das Gefühl?
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DüsseldorfFür die meisten Kinder wäre es ein Albtraum: Weihnachten - ohne Geschenke! Manche Ökonomen dagegen halten das für klug. Denn ein Klassiker der ökonomischen Theorie besagt: Weihnachtsgeschenke sind Geldverschwendung.

Der Vorwurf stützt sich auf eine Studie, die 1993 in der renommiertesten ökonomischen Fachzeitschrift der Welt – dem American Economic Review (AER) – erschien. In „The Deadweight Loss of Christmas“ – Der Wohlfahrtsverlust durch Weihnachten – rechnet der US-Ökonom Joel Waldfogel akribisch nach, wie viel Geld durch Weihnachtsgeschenke vernichtet wird. Die Summe ist gigantisch: Allein für in Deutschland wären es in diesem Jahr mehrere Milliarden Euro, wenn Waldfogels Ergebnisse stimmen. Die Arbeit zeigt jedoch auch die praktischen Grenzen ökonomischer Modelle auf.

Waldfogels These fußt auf einer zentralen Annahme: Jeder kennt seine Bedürfnisse selbst am besten. Das führt an Weihnachten zu einem Problem. Denn dort geht es nicht darum, sich selbst zu beschenken, sondern Freunde oder Verwandte. Da die meisten aber ihre eigenen Wünsche besser kennen als die ihrer Mitmenschen, greifen sie bei der Geschenkeauswahl leicht daneben. Bücher bleiben ungelesen im Regal liegen, Weihnachtsgebäck wird an den Hund verfüttert, ein neues T-Shirt zum Putzlappen umfunktioniert – jeder kennt solche Beispiele.

Wenn es nach Waldfogel geht, gibt es eine einfache Lösung: Alle Menschen sollten nur noch Bargeld verschenken. Das wäre wirtschaftlich effizient, denn die Beschenkten könnten sich mit dem Geld einfach das kaufen, was sie sich am meisten wünschen.

Davon aber sind wir weit entfernt. Das Weihnachtsgeschäft boomt wie eh und je. Nach Berechnungen der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kann der Handel in diesem Jahr mit rund 15 Milliarden Euro Umsatz im Geschäft mit Weihnachtsgeschenken rechnen. Neun von zehn Deutschen wollen zum Fest etwas verschenken. Am häufigsten greifen sie zu Büchern, Spielwaren und Parfüm.

Kommentare zu " Ökonomie des Schenkens: Geschenke für die Tonne"

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  • Der Begriff "Wirtschaft" oder "Wirtschaften" wird heute häufig in einem anderen Sinne gebraucht, als in der ursprünglichen Bedeutung.

    Mögen wir uns wieder auf die ursprüngliche Bedeutung besinnen (effektiver Umgang mit Energie und Ressourcen) und danach handeln, das ist mein Wunsch für 2015 ff.

  • Die allermeisten Menschen lassen sich eben in die gesellschaftliche Schablone pressen.

  • US-Ökonomen und Verstand, das passt nicht zusammen!
    Der Wirtschaft ist es doch egal, ob das Produkt nach dem Verkauf benutzt wird oder auf der Kippe landet. Letzteres ist sogar vorteilhaft, da benötigte Waren nachgekauft werden müssen.
    Waldfogels Vorschlag würde die Umsätze senken und so der Wirtschaft schaden.
    Nutzen würde ein verringerter Konsum natürlich der Umwelt, aber das war sicher nicht die Intention des Herrn Waldfogel.
    Genausogut hätte er großvolumige Benzinfresser auf Amerikas Straßen als gewaltige Verschwendung von "Wohlfahrt" anprangern können.

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