„Ökonomie neu denken“
Mehr Macht für den Staat?

Lange waren staatliche Eingriffe in der Wirtschaft höchst verpönt. Doch die Finanzkrise hat auch dieses Paradigma ins Wanken gebracht. So hält der Top-Ökonom Armin Falk einen „sanften Paternalismus“ für sinnvoll.
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FrankfurtStaatliche Eingriffe – Volkswirte haben diese beiden Begriffe über Jahrzehnte wie der Teufel das Weihwasser gescheut. In Hörsälen und Talkshows predigten sie die Freiheit der Märkte, jede Intervention hielten sie für schädlich. Doch die Krise der Finanzmärkte und der Staatshaushalte hat dieses klassisch Paradigma ins Wanken gebracht.

Alternative Ansätze erleben seit einigen Jahren einen Höhenflug: „Es gibt eine Reihe staatlicher Eingriffe, die für die Menschen nützlich seien können“, sagte der Bonner Top-Volkswirt Armin Falk bei der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem Handelsblatt veranstalteten Konferenz „Ökonomie neu denken“ in Frankfurt. Der Experimentalökonom aus Bonn plädierte bei einer Diskussion mit dem Michael Hüther, dem Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), für mehr „sanften Paternalismus“.

Dieser Ansatz bedeute, dass der Staat den Menschen Entscheidungshilfen anbiete, ohne die Entscheidungsfreiheit des einzelnen einzuschränken. „Diejenigen, die selbst entscheiden wollen, können dies auch weiterhin tun“, so Falk. Auch IW-Direktor Michael Hüther hält solche weichen Eingriffe, die die Freiheit der Bürger nicht beschneiden, aus ökonomischer Sicht für sinnvoll. Schon jetzt sei das häufig der Fall: „Man muss sich bewusst machen“, so der Kölner Ökonom, „dass der Staat auch dann lenkt, wenn er keine Entscheidungsalternativen vordefiniert.“

Falk ist einer der weltweit führenden Verhaltensökonomen. In Laborexperimenten lässt er Probanden lebensnahe Aufgaben bewältigen und analysiert dabei ihr Vorgehen. Seine Erkenntnis: „Menschen machen systematisch Fehler und handeln irrational.“ Daraus folgert der Ökonom, dass staatliche Orientierungshilfen sinnvoll sein könnten. Die Organspende nannte er als anschauliches Beispiel: Wenn Bürger sich wie in Deutschland aktiv dafür entscheiden müssen, Organspender zu werden, erklären sich nur sehr wenige Menschen dazu bereit. In Ländern wie Frankreich und Belgien, wo Menschen nur aktiv werden müssen, wenn sie nicht spenden wollen, sieht es anders herum aus: Dort entscheiden sich nur sehr wenige Bürger bewusst dagegen, Organspender zu sein. „Gewichtige Probleme lassen sich mit dem sanftem Paternalismus lösen“, sagte der Ökonom. Mit solchen Erkenntnissen könne die Wissenschaft Empfehlungen geben, sagte Falk. Ob und wie der Staat am Ende genau handle, das sein natürlich Entscheidung der Wähler.

IW-Chef Hüther warnte allerdings davor, den Staat mit zu vielen neuen Aufgaben zu überfrachten. Vielmehr müsse an einzelnen Stellen überprüft werden, auf welche Weise der Staat seine Ziele am besten erreichen könne. Beide Forscher machten sich dafür stark, mit der ökonomischen Bildung bereits in der Schule anzufangen. Wenn die Menschen über wirtschaftliche Zusammenhänge besser informiert seien, würden viele Probleme gar nicht erst entstehen.




Kommentare zu " „Ökonomie neu denken“: Mehr Macht für den Staat?"

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  • Menschen machen Fehler und handeln irrational - keine Frage, ja so ist es. Allerdings sollte sich Falk fragen, wer denn wohl in Regierungen und Parlamenten sitzt. Menschen.

    Es ist unsinnig, eine Art von Götzenanbetung mit dem geforderten Paternalismus zu betreiben. Manches wäre ohne den Staat und seine Politiker weniger schlecht gelaufen.

  • "Falk ist einer der weltweit führenden Verhaltensökonomen. In Laborexperimenten lässt er Probanden lebensnahe Aufgaben bewältigen und analysiert dabei ihr Vorgehen. Seine Erkenntnis: „Menschen machen systematisch Fehler und handeln irrational.“ Daraus folgert der Ökonom, dass staatliche Orientierungshilfen sinnvoll sein könnten."
    Wenn Menschen systematisch Fehler machen und man davon ausgeht, dass der Staat aus Menschen besteht und von Menschen gelenkt wird, wie kommt man dann auf die Idee, dass der Staat keine systematischen Fehler macht?

    "Ob und wie der Staat am Ende genau handle, das sein natürlich Entscheidung der Wähler."
    Wähler sind Menschen, die wie oben festgestellt systematisch Fehler machen. Wenn Menschen nun Menschen wählen, um Menschen zu lenken, beißt sich die Katze in den Schwanz!

    "Vielmehr müsse an einzelnen Stellen überprüft werden, auf welche Weise der Staat seine Ziele am besten erreichen könne."
    Was für Ziele sind das? Die Ziele der Wähler (die systematisch Fehler machen)? Oder die der Politiker (die systematisch Fehler machen)? Und vorallem wem dienen diese Ziele?

    "Wenn die Menschen über wirtschaftliche Zusammenhänge besser informiert seien, würden viele Probleme gar nicht erst entstehen."
    Eine ausgezeichnete Idee, wie ich finde. Wenn der (un)mündige Bürger darüber aufgeklärt wird, dass seine Entscheidungen eventuell auf Grundlage einer verzerrten Basis getroffen werden, kann er das antizipieren und sich dann "richtig" verhalten. Doch was richtig ist, muss er dann immer noch selbst entscheiden und nicht irgendein Politiker. Das Problem an Paternalismus ist ohnehin, dass nicht alle die gleichen systematischen Fehler machen und Paternalismus dadurch die Verzerrungen, die zu systematischen Fehlern führen, noch verstärken kann.

  • Der Reigen der Dampfblasen Plauderer hat begonnen, ganz im Sinne der Finanzeliten (nein, Besserverdienende sind nicht gemeint, wie sich kürzlich mal einer beschwert hat).
    Zur Finanzelite gehört man nicht durch Spekulkation, seien sie auch noch so erfolgreich und auch nicht durch Arbeit. Als Finanzelite wird man geborenund das auch nur in einer Handvoll selektierter Familien!

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