Serie: Jugend forscht
Forschergeist mit Familienanschluss

In der VWL findet ein Generationswechsel statt. Wir stellen die neuen Köpfe vor. Heute: Thomas Eichner, Finanzwissenschaftler und Umweltökonom in Bielefeld - ein Forscher ohne Tunnelblick.

Sein Elfenbeinturm ist ein Einfamilienhaus in Siegen. „Dort kann ich am besten arbeiten“, sagt Thomas Eichner ganz ohne Zögern. Dort ist sein Zuhause, sein „wichtigster Rückhalt“, wie er betont. Dort lebt er mit seiner Frau, die als Berufsschullehrerin arbeitet, und seinen drei Kindern, die fünf, zwei und noch nicht einmal ein Jahr alt sind.

Und das muss stimmen, denn der Finanzwissenschaftler gehört zu den forschungsstärksten Ökonomen in Deutschland, die das 40. Lebensjahr noch nicht erreicht haben. In den vergangenen Jahren hat der 38-Jährige 32 bedeutende Arbeiten in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht. Dabei fokussiert er sich nicht allein auf einen Forschungsschwerpunkt, meidet den „Tunnelblick“ auf ein Sujet, selbst wenn das die Karriere vielleicht nicht immer befördert. Eichner erforscht, wie unterschiedliche Unternehmensteuern wirken, wie das Risikoverhalten beim Wertpapierkauf aussieht und wie effiziente Umweltzertifikate aussehen sollten.

Sein Doktorvater, der Siegener Finanzwissenschaftler und Umweltökonom Rüdiger Pethig, sieht ihn in zehn Jahren ganz weit oben in der Welt der Volkswirtschaftslehre. „Sein Arbeitspensum und seine Belastbarkeit sind enorm“, weiß Pethig, der in den Jahren nach Eichners Promotion mit ihm an mehr als 20 Arbeiten geforscht hat.

Seine Motivation hat Eichner schnell erklärt, und sie scheint immer wieder durch, wenn er über seine Arbeit spricht: etwas sauber herausarbeiten, präzise sein. „Ich bin jemand, der Dinge immer genau hinterfragt.“ Wenn er mal nicht über Papieren brütet, geht er mit der Familie in die Natur. Und wenn ganz viel Zeit ist, widmet er sich seinem Hobby, der Posaune. Obwohl das Instrument gar nicht so recht zu dem Mann mit dem ruhigen Blick und der zurückhaltenden Stimme passen mag.

Der studierte Wirtschaftsingenieur entdeckte früh sein Interesse an volkswirtschaftlichen Fragen, fand sich während des Studiums freiwillig in möglichst vielen VWL-Vorlesungen ein, lernte als „Einzelkämpfer“ und war von der „Theorie kollektiver Entscheidungen“ von Kenneth Arrow begeistert. Vor allem das Unmöglichkeitstheorem faszinierte ihn. „Es gibt eben keinen politischen Prozess, bei dem man nicht eines der geplanten Ziele opfern muss.“

An der Betriebswirtschaftslehre habe ihn dagegen immer das viele Auswendiglernen gestört und dass diese Wissenschaft eben einfach nicht so präzise sei wie die VWL. Dennoch wagte er den betriebswirtschaftlichen Praxistest, als für ihn an der Universität kein Platz war oder besser gesagt kein Geld, wie sein Doktorvater Pethig es beschreibt.

Deshalb heuerte Eichner nach dem Studium zunächst bei der Utsch AG in Siegen an. Bei dem Spezialisten für Autokennzeichen mit rund 500 Angestellten arbeitete er rund anderthalb Jahre als Assistent der Geschäftsleitung. „Aber das ist einfach nicht mein Ding“, resümiert Eichner diese Zeit. Schließlich ging er zurück an die Uni, zunächst nur mit einer halben Stelle.

„Es war einfach wunderbar, mit welcher wissenschaftlichen Neugier Thomas Eichner an seine Arbeit gegangen ist“, sagt Pethig, „trotz des damals prekären Beschäftigungsverhältnisses“. Inzwischen hat Eichner das akademische Prekariat auf Dauer hinter sich gelassen. Seit Oktober 2007 ist er Professor an der Universität Bielefeld, hat einen Lehrstuhl für Finanzwissenschaft.

Im achten Stock des Bielefelder Unihochhauses genießt Eichner nun nicht nur die Aussicht auf Ostwestfalen, sondern auch, dass die akademische Verwaltung nicht so viel Platz in seinem Forscherleben einnimmt. Trotz der neun Wochenstunden, in denen er Vorlesungen hält, finde er genug Zeit zum Forschen – freitags immer im heimischen Siegener Einfamilienhaus. Zurzeit interessiert ihn das Risikoverhalten beim Wertpapierkauf. Aber die Idee dazu sei ihm nicht durch die Finanzkrise gekommen. „Manchmal holt einen die Aktualität einfach ein“, sinniert er.

Er gehört zu denen, die gerne rechnen, mathematisch beweisen, welcher Weg ökonomisch sinnvoll und politisch durchsetzbar ist. Unter welchen Bedingungen ist das Emissionszertifikatesystem in der Europäischen Union effizient? Dann, wenn die nationalen Regierungen auf eigene Regelungen verzichten, sagt Eichner und zählt gleich die nötigen Bedingungen auf. Gerade bei politisch relevanten Fragen sei die Annahme rationaler Entscheidungen „gar nicht so schlecht“, ist er überzeugt. Eichner mag dieses Gefühl, das sich einstellt, wenn er ganz nah dran ist, eine Entdeckung zu machen. „Ich rechne dann dreimal nach, wenn ich dann immer noch ein anderes Ergebnis als das bekannte herausbekomme, dann habe ich was Substanzielles erreicht.“

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