Staatsfonds
Vom Nehmer zum Geber

Vom Saulus zum Paulus binnen gut eines Jahres: Die noch vor kurzem als schlimmer als „Heuschrecken“ gescholtenen Staatsfonds reicher Ölstaaten werden seit ihren jüngsten Rettungskäufen bei den Aushängeschildern der westlichen Finanzindustrie plötzlich zu Heilsbringern stilisiert. Eines wird dabei jedoch vergessen.

BERLIN. Die jüngste Welle fing an, als sich der Moskauer Mischkonzern AFK Sistema des Oligarchen Wladimir Jewtuschenkow Ende 2006 bei der Deutschen Telekom einkaufen wollte – nachdem sich die staatliche russische Bank Vneshtorgbank zuvor unabgesprochen rund fünf Prozent des angeschlagenen deutsch-französischen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS über die Börse gesichert hatte.

Während die auf Aktienoptionsprogrammen sitzenden Vorstandsmitglieder von in die Krise gerutschten Unternehmen auffällig schwiegen, begann die Politik mit dem Mauerbau: Die Bundesregierung ließ Blaupausen für die Schaffung angeblich strategischer Wirtschaftszweige zeichnen, an denen sich ausländische Investoren nur nach sorgfältiger Prüfung durch das Kabinett beteiligen dürften.

Wie stark sich der Wind inzwischen gedreht hat, zeigt das jüngste Beispiel: Hatte die US-Regierung noch vor wenigen Jahren den Kauf von amerikanischen Häfen durch einen Investor aus Dubai untersagt, so konnte sich Mitte des Monats lautlos der kuwaitische Staatsölkonzern Kuwait Petroleum Corporation für 9,5 Mrd. Dollar zu 50 Prozent an einem Plastik-Joint Venture des Branchenriesen Dow Chemical beteiligen. Davor hatte die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) 7,5 Mrd. Dollar als Rettungsanker für das wegen der Finanzmarktkrise gebeutelte Großgeldhaus Citigroup ausgeworfen. Wenig später schwang sich die Government of Singapore Investment Corporation (GIC), der Staatsfonds des südostasiatischen Tigers, zum größten Aktionär der angeschlagenen Schweizer Bank UBS auf.

„Staatsfonds stützen Subprime-Opfer und damit die Börsen“, lautet die vom Vermögensverwalter Bert Flossbach von Flossbach & von Storch formulierte neue Sicht. Die Staatsfonds horten mehr Geld in ihren Goldspeichern als Dagobert Duck in Entenhausen: Allein die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen nach Berechnungen der Deutschen Bank in ihren von der Regierung verwalteten Investitions- und Pensionsfonds 875 Mrd. Dollar. China kommt auf 200 Mrd. Dollar, Saudi-Arabien auf gut 300 Mrd. Dollar, Russland auf 144 Mrd. Dollar. Weltweit werden in Staatsfonds nach Expertenschätzungen drei Bill. Dollar verwaltet – laut Citibank so viel wie die Hälfte der Weltwährungsreserven.

Die Ölstaaten haben im vergangenen Jahr nach Angaben der Berater von McKinsey 200 Mrd. ihrer Petrodollar an den globalen Aktienmärkten investiert und weitere 100 Mrd. in Staats- und Unternehmensanleihen anderer Länder.

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