Wissenschaft & Debatte
Katalysator für Krisen

Die Schöpfer des neuen Bankenstandards Basel II ignorieren die Einwände der Ökonomen.

FRANKFURT. Als die Bankaufseher und Notenbanker der wichtigsten Industrieländer im Jahr 2001 nach langen Verhandlungen stolz den zweiten Entwurf für neue Eigenkapitalregeln für Banken (Basel II) vorstellten, hatten sie mit einer Reaktion nicht gerechnet: Eine Gruppe von Wissenschaftlern der London School of Economics (LSE) um den renommierten Ökonomen Charles Goodhart zerriss den Entwurf in der Luft. "Wir haben die ernste Sorge, dass die Vorschläge die Anfälligkeit des Finanzsystems gegen Krisen verschärfen, und dem Zweck der Übung diametral zuwiderlaufen. Denken Sie neu nach, bevor es zu spät ist", empfahl die Gruppe den Schöpfern von Basel II.

Dieses Papier, das für großes Aufsehen und im zuständigen Baseler Komitee für gehörige Indignation sorgte, blieb nicht die einzige Kritik aus der Wissenschaft. Doch die Regulierer zeigten sich als ausgesprochen beratungsresistent. Viel zu sehr waren sie mit einem Lobbykrieg beschäftigt, der umgehend ausbrach - zwischen den Banken verschiedener Nationen, den deutschen Geschäftsbanken und dem Sparkassensektor, zwischen kleinen und großen Banken und zwischen verschiedenen Bankengruppen. Jeder kämpfte darum, dass er nicht mehr teures Kapital vorhalten musste als die Konkurrenz. In immer neuen Verhandlungsrunden wurde ein immer komplexeres Regelwerk geschaffen, dass viele hundert Seiten umfasst.

Die Einwände der Wissenschaftler, die sich um das Wohl der Wirtschaft und des Finanzsystems sorgen, blieben Randnotizen - zur Kenntnis genommen, widerwillig bestätigt, letztlich ignoriert. Verständlicherweise, denn die Kritik ist grundsätzlich. Welcher Verhandlungsführer im Baseler Komitee hätte nach Hause gehen und sagen wollen "Wir sind in die falsche Richtung marschiert. Wir müssen ganz von vorne anfangen."?

Basel II bestimmt, wie viel Eigenkapital Banken vorhalten müssen, um sicherzustellen, dass sie nicht in eine Schieflage geraten, etwa wenn Kredite notleidend werden. In Europa sollen die Regeln ab 2007 gelten, die USA haben jüngst die Notbremse gezogen und eine Verschiebung beschlossen.

Grob gesprochen muss jede Bank bisher acht Prozent des Kreditvolumens als Eigenkapital vorhalten, egal an wen der Kredit geht. Das ist eine sehr krude Vorgabe, weil ein Kredit an ein defizitäres Bauunternehmen sehr viel eher notleidend werden dürfte als ein gut besicherter Hypothekarkredit . Basel II zwingt die Banken dazu, Kreditrisiken genau zu berechnen und abhängig davon viel oder wenig Eigenkapital vorzuhalten. Auch die mit ihrem Finanzmarktengagement verbundenen Risiken müssen sie genau kennen und mit Eigenkapital unterlegen.

Das ist ein allseits akzeptiertes Ziel. Doch werfen Wissenschaftler den Regulierern vor, vor lauter Bäumen den Wald nicht zu sehen. Sie befürchten, dass die Maßnahmen, die die einzelnen Banken krisenfester machen sollen, das System destabilisieren und so ihrem eigentlichen Zweck zuwiderlaufen.

"Das Basler Komitee missversteht die Natur des Marktrisikos", kritisiert LSE-Professor Jón Danielsson. Das Risiko komme nicht von außen und könne daher nicht wie eine Wettervorhersage durch immer bessere Messtechnik vorausberechnet werden. "Marktrisiko entsteht endogen im Zusammenwirken der Banken. Sobald die Banken auf das festgestellte Risiko reagieren, ändert es sich. Das ist beim Wetter anders."

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