Wissenschaft
Warum Politikberater bescheidener sein sollten

Niemand kennt die Zukunft. Weder Ökonomen, noch Sozialwissenschaftler. Trotzdem tun sie so, als könnten sie verlässliche Prognosen liefern. Doch wenn sie es nicht können, was ist dann überhaupt ihre Aufgabe? Der Soziologe Wolfgang Streeck sucht nach Antworten. Was Politik und Wirtschaft erwarten können.

DÜSSELDORF. „Warum hat das niemand kommen sehen?“ fragte die englische Königin bei einem Besuch der London School of Economics im November 2008. Vor 20 Jahren hätte sie die Frage auch stellen können. Der Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums kam ebenso unerwartet wie die Finanzkrise.

Noch im August 1989 verzichtete sogar die Springer-Presse auf die Anführungszeichen und akzeptierte die DDR als unveränderliche Realität. Ein Jahr später war die Wiedervereinigung beschlossene Sache. Verlässliche Vorhersagen, das zeigte sich damals ebenso wie heute, sind von den Sozialwissenschaften nicht zu erwarten, und erst recht nicht von den Wirtschaftswissenschaften. Auch wenn Letztere nach einer kurzen Phase der zugegebenen Ratlosigkeit mittlerweile wieder munter Prognosen abliefern.

Nutzlos sind die Sozialwissenschaften für die Politik nicht, wie Wolfgang Streeck, Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, in einem Aufsatz behauptet („Man weiß es nicht genau: vom Nutzen der Sozialwissenschaften für die Politik“). Aber die Erwartungen sollten realistisch sein. Der tatsächliche Nutzen liege nicht in Prognosen und Handlungsanweisungen, sondern im „Zählen und Messen“, in der „genauen Beobachtung der sozialen Wirklichkeit“. Zum Beispiel, indem sie zeigt, wie kleine Änderungen der Definition von Arbeitslosigkeit die Statistik verzerren.

„Point predictions“, etwa Wachstumsprognosen mit zwei Nachkommastellen, sind unmöglich, denn „jeder zukünftige Zustand erscheint als einmaliges Ergebnis eines einmaligen Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren, als Unikat, für das es keine Normalverteilung gibt und dessen Besonderheiten deshalb nicht auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten reduziert werden können“. Alle historischen Ereignisse hätten auch ausbleiben können, und genauso ist auch eine von Zufällen bereinigte Zukunft undenkbar. Was die Wissenschaft liefern könne, so Streeck, sind allenfalls „Wahrscheinlichkeitsaussagen ohne Einzelfallgarantie“.

Streeck nimmt sich Keynes zum Zeugen, der 1937 seine General Theory verteidigte, indem er die „uncertainty“ der Zukunft betonte und über „all these pretty, polite techniques“ der Ökonomen höhnte, die vergessen, wie unbekannt die Zukunft ist. Märkte als Systeme von aufeinander bezogenen Handlungen sind zu komplex, um exakt berechenbar zu sein. Das ist für Keynes der Fehler der klassischen Theorie: Sie behandelt Wirtschaft und Gesellschaft, als wären sie Natur, und sucht nach Quasi-Naturgesetzen, die es nicht gibt. Die einzigen Gesetze aber, die die Gesellschaft verständlich und gestaltbar machen, schafft sie sich selbst durch Institutionen, durch Recht, durch Politik.

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