Euro-Schuldenkrise
"Moral hazard" wird überschätzt

Viele Ökonomen warnen vor einem Bail-out für die Euro-Peripherie – das würde vollkommen falsche Anreize setzen. Ein Kieler Forscher stellt das jetzt nachhaltig infrage.
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LondonFür 189 VWL-Professoren besteht kein Zweifel: Wenn wir den Griechen, Iren und Portugiesen aus der Patsche helfen, geben wir ein komplett falsches Signal an die künftigen Regierungen und den Finanzmarkt. „Günstige Kreditkonditionen und die Haftung der europäischen Staatengemeinschaft würden hochverschuldeten Ländern massive Anreize bieten, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen und eine Verschuldungspolitik zulasten der EU-Partner fortzusetzen“, argumentieren die Professoren in einem Aufruf des „Plenums der Ökonomen“.

Das grundlegende Problem, das hinter diesem Argument steckt, nennen Volkswirte „moral hazard“. Wer weiß, dass er für Fehler nicht geradestehen muss, geht höhere Risiken ein.

Diese Argumentation ist beliebt – aber extrem fragwürdig. Das zeigt ein Ökonom des Kieler Instituts für Weltwirtschaft in einer neuen Studie mit dem Titel „Für einen Schuldenschnitt und gegen den Rettungsschirm? Argumente auf dem Prüfstand". Jens Boysen-Hogrefe hat die empirische Bedeutung des Moral-Hazard-Phänomens auf den Märkten für Staatsanleihen untersucht. Sein Fazit: Die Anreizprobleme werden massiv überschätzt – und die von Ökonomen vorgeschlagenen Reformen gehen ins Leere. Die Argumentation stützt sich auf eine Analyse der Risikoaufschläge für Staatsanleihen vor Beginn der Schuldenkrise.

Nach Einführung des Euros mussten die heutigen Problemstaaten deutlich weniger Zinsen zahlen – Griechenland und Co. konnten sich über Nacht fast so günstig verschulden wie Deutschland. Der Grund dafür war aber nicht die implizite Hoffnung der Anleger auf ein Bail-out, also die Haftungsübernahme, sondern ihre Ahnungslosigkeit. Nach Jahrzehnten ohne Krisen hätte niemand „damit gerechnet, dass es in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu größeren krisenhaften Verwerfungen kommen könnte“.
Dafür spricht: Vor der Krise konnten sich nicht nur Regierungen, sondern auch Konsumenten und Unternehmen in den heutigen Krisenstaaten extrem günstig verschulden – Bail-outs für diese Schuldnergruppen sind aber nie Thema.

Ein weiteres starkes Indiz dafür, dass die Aussicht auf einen Bail-out die Finanzmärkte nicht beruhigt, sondern schockiert, liefert die Analyse der Entwicklung der Renditedifferenzen: Sowohl bei Griechenland als auch bei Irland führte erst die offizielle Bitte um Hilfe zu einem drastischen Anstieg der Risikoaufschläge. Nicht der Bail-out habe die Finanzmärkte bewegt, „sondern das Eingeständnis einer sehr schweren Lage“.

Zudem seien trotz der Hilfen für die Krisenländer die Risikoaufschläge nach wie vor immens – weil die Hilfe nur dann fließe, wenn die Länder strenge Auflagen erfüllen. Ob die Regierungen diese Bedingungen wirklich erfüllen wollen und können, sei höchst unsicher. „Die starke Konditionalität des Rettungsschirms hält die Schuldner- und Gläubigerhaftung intakt“.

Auch ein Frühwarnsystem oder strengere Regeln zur Begrenzung der Staatsverschuldung hätten die Krise kaum verhindern können. „Spanien und Irland waren geradezu die Musterschüler“, schreibt er. Beide Länder hatten vor der Krise im Vergleich zur Wirtschaftsleistung deutlich weniger Staatsschulden als Deutschland.

Die Hoffnungen, eine Insolvenzordnung für Staaten könne die Schuldenprobleme lösen, weil dann Investoren vorher besser aufpassen, sieht er ebenfalls skeptisch. Finanzmärkte seien „schwerlich in der Lage, Makro- und Haushaltsrisiken hinreichend zu erfassen“. Daher solle man sich im Kampf gegen Staatsverschuldung lieber nicht zu sehr auf die Finanzmärkte verlassen. Genau dafür machen sich die 189 Ökonomen stark.
 

Kommentare zu " Euro-Schuldenkrise: "Moral hazard" wird überschätzt"

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  • Warum gibt es ein Bundesverfassungsgericht? An diesem Konflikt wird überdeutlich, dass das Parlament nicht entscheidungsfähig ist. Hier haben m.E. die Verfassungsrichter eindeutig versagt. Wer sich lieber mit in Zeitschrift ablichten lässt, statt sich seiner Veranwortung bewusst zu sein, der sollte besser von selbst wieder gehen.

  • Boysen-Hogrefe kämpft gegen Windmühlen, wenn er sich dagegen wendet, eine "Insolvenzordnung für Staaten könne die Schuldenprobleme lösen, weil dann Investoren vorher besser aufpassen". Ich kenne niemanden der ernsthaft dieses Argument vertritt, denn das ist weder das Ziel noch werden entsprechende Anreizte gesetzt, genauso wenig wie Banken besser aufpassen, weil es Regeln für Insolvenz von Unternehmen gibt. Eine Insolvenzordnung setzt nur Regeln für den Schuldenverzicht und vermeidet so Chaos an Finanzmärkten.

  • ehrlich gesagt verstehe ich nicht wieso wir immer für diese länder geradestehen müssen,die griechen leben in saus und braus,haben super renten,arbeiten weniger als die deutschen und dann sagen sie wir haben kein geld mehr,helft uns. Ich denke jeder muss selben für seine schulden geradestehen.ich bin mir sicher,dass die griechen ihre schulden nicht zurück zahlen können.
    Dann kommt portugal, spanien,italien und wer weiss,wieviel wir für die länder an hilfen zahlen müssen.
    Es reicht.

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