Finanzmarkt-Regulierung
Wie Basel III die Finanzmärkte instabil macht

Basel III soll dafür sorgen, dass die Banken das Auf und Ab der Konjunktur nicht weiter verstärken. Leider dürfte in der Realität genau das Gegenteil passieren, zeigt eine neue Studie.

FrankfurtMehr als zehn Jahre bastelten Finanzregulierer an besseren Regeln, die vorschreiben, wie viel Eigenkapital Banken vorhalten müssen. Doch kaum waren die erneuerten Vorschriften, genannt Basel II, eingeführt, demonstrierte die Finanzkrise: Das Regelwerk taugt nichts.

Eines der Probleme hatten Hochschulökonomen schon vor der Krise immer wieder moniert: Banken und Ratingagenturen würden durch die Vorschriften in einem längeren Aufschwung das Ausfallrisiko systematisch unterschätzen und es im Abschwung überschätzen. Das führe dazu, dass sie in Boomzeiten zu wenig Kapital zur Seite legen und zu viele Kredite vergeben. Im Abschwung dagegen würde das Verfahren,

mit dem bei Basel II der Kapitalbedarf berechnet wird, nach oben übertreiben. Dies zwinge die Banken dann zu übermäßiger Zurückhaltung bei der Kreditvergabe. Beides verschärfe Konjunkturausschläge nach oben und unten - und destabilisiere das Bankensystem.

Die Regulierer der Bundesbank, Bafin und anderen Regulierungsbehörden hatten diese Einwände nonchalant weggewischt. Jetzt, nach der tiefsten Finanzkrise seit der Großen Depression, wollen sie das Problem mit neuen Regeln endlich lösen - Basel III heißt ihr Konzept.

Unter anderem sollen die Banken in guten Zeiten einen Kapitalpuffer aufbauen, den sie dann in schlechten Zeiten aufzehren können.

Ökonomen, die sich die Pläne genauer angeschaut haben, warnen jedoch vor dem Teufel im Detail. "Die geplanten Regeln zur Kapitalunterlegung werden das Problem am Ende verschärfen, anstatt es zu lösen", schreiben Rafael Repullo, Finanzexperte vom Madrider Zentrum für Monetäre und Finanzstudien (CEMFI), und Jesús Saurina von der Bank von Spanien in einer Studie mit dem Titel "The Countercyclical Capital Buffer of Basel III: A Critical Assessment". Mechanisch angewendet, führten die Vorschriften dazu, dass Banken in guten Zeiten den Kapitalbedarf zusätzlich senken und ihn in schlechten Zeiten weiter erhöhen müssen. Der Grund für den paradox anmutenden Effekt: Der Maßstab dafür, was gute Zeiten sind und was schlechte, ist unangemessen.

Nach den Plänen des Basler Komitees für Bankaufsicht soll künftig das Verhältnis von Kreditvolumen zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) entscheidend sein. Solange das Kreditvolumen relativ zum BIP überdurchschnittlich ist, wären Kapitalpuffer aufzubauen. Sinkt es unter den langfristigen Durchschnitt, können die Puffer abgebaut werden.

Das Problem dabei ist: Das Kreditvolumen reagiert erst zeitverzögert auf die Konjunktur. Es bleibt im Abschwung noch lange überdurchschnittlich, selbst wenn Banken schon deutlich weniger Neukredite vergeben, warnen Repullo und Saurina. Obwohl sich die Wirtschaft auf dem Weg in die Rezession befinde, müssten die Banken noch mehrere Quartale Kapitalpuffer aufbauen.

Umgekehrt dauere es im Aufschwung lange, bis das in der Rezession weit unterdurchschnittliche Kreditvolumen die Normallinie kreuze. Bis dahin dürften die Banken mit sehr wenig Kapital agieren - obwohl sie schon wieder viele Kredite vergeben und neue Risiken eingehen. Diese Schwäche scheint den Regulierern bewusst zu sein. Sie warnen davor, den Maßstab allzu mechanisch anzulegen. Repullo und Saurina halten es aber für falsch, auf die höhere Einsicht der nationalen Regulierungsbehörden zu setzen. Immerhin müssten diese öffentlich den Abschwung ausrufen, während ihr Indikator noch auf Aufschwung zeigt - kein wahrscheinliches Szenario.

Deshalb plädieren die Experten für einen Indikator, der funktioniert und den man auch mechanisch anwenden kann. Sie empfehlen eine denkbar einfach Variante: das Wachstum des BIP..

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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