Glücksökonomie
Auf der Suche nach dem nominalen Wohlfühlprodukt

Wie der Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman zusammen mit mehrere andere Forscher eine neue Methode zur Messung der Lebenszufriedenheit erarbeitet.
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Das boomende Feld der Glücksökonomie beruht vor allem auf einer Erkenntnis: Wenn die Menschen nur begrenzt rational handeln, kann man aus ihren Handlungen nicht auf ohne weiteres auf ihre Präferenzen schließen. Das, so der Grundkonsens der Disziplin, macht es sinnvoll, sie direkt nach ihrem Wohlbefinden zu fragen und zu schauen, wovon dies abhängt.

Doch ausgerechnet Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman stellt dieses Vorgehen nun infrage. Dabei war es Kahneman, der maßgeblich dazu beigetragen hat, die Rationalitätsannahme der Ökonomen zu desavouieren und so den Boden für das neue Feld zu bereiten.

Kahnemans Einwand gegen die bisherige Messung von Lebenszufriedenheit lautet: Auf die Frage, wie glücklich wir mit unserem Leben sind und was uns zufrieden macht, können wir aus der Erinnerung nur schwer korrekte und interpersonal vergleichbare Antworten geben. Daher sollte man nach Alternativen zu den bisher üblichen Fragen nach der Zufriedenheit suchen.

Tatsächlich sind die Beispiele für systematische Verzerrungen bei Antworten auf die Frage nach der Lebenszufriedenheit eindrucksvoll. Wenn man verschiedene Länder anhand einer summarischen Zufriedenheitsfrage vergleicht, dann lautet das Ergebnis: Dänen sind sehr viel glücklicher als Franzosen – eine plausible Erklärung dafür gibt es aber nicht.

Oft spielt uns offenbar auch die Erinnerung einen Streich, zeigen Experimente der Forscher. Sie tauchten Versuchspersonen eine Hand in kaltes Wasser und ließen sie kontinuierlich mit einem Hebel anzeigen, wie unwohl sie sich dabei fühlten. Sie stellten fest: Hängt man an eine als sehr unangenehm empfundene Phase einen nicht ganz so schlimmen Abschnitt dran, behält der Proband die Sache in besserer Erinnerung.

Als wie angenehm oder unangenehm wir eine Episode im Gehirn abspeichern, hängt offenbar von zwei Faktoren ab: Zum einen der maximalen Intensität der Empfindung, zum anderen von den letzten Eindürcken. Die Gesamtdauer spielt dagegen fast keine Rolle.

Paradox ist auch folgende Beobachtung der Wissenschaftler: Fragt man Menschen in einem Interview, wie angenehm oder unangenehm ihnen bestimmte Aktivitäten sind, so rangiert das Zusammensein mit den Kindern weit oben. Erkundigt man sich dagegen nach der Befindlichkeit von Eltern in dem Moment, in dem sie sich gerade um ihre Kinder kümmern, fallen die Antworten weit weniger positiv aus. Das Zusammensein mit Kindern ist dann fast genauso unattraktiv wie Putzen oder Einkaufen.

Zusammen mit dem renommierten US-Ökonomen Alan Krueger und drei Psychologieprofessoren hat Kahneman eine neuen Methode zur Messung von Lebenszufriedenheit erarbeitet. Die multidisziplinäre Wissenschaftlerteam nennt ihre Alternative „Daily Reconstruction Method“ (Tagesrekonstruktionsmethode).

Dabei lassen die Befragten zeitnah einen Tag Revue passieren und notieren zu jeder Episode Dauer und Intensität ihre Gefühle. Noch 2004 hatten die Forscher die Hoffnung, damit eine Art „Nationales Bruttowohlfühlprodukt“ entwickeln zu können, mit dem man die Lebenszufriedenheit einer Gesellschaft so messen kann wie ihre Wirtschaftsleistung mit dem Bruttoinlandsprodukt.

Inzwischen sind sie bescheidener geworden. Denn auch beim neuen Glücksmaß gibt es erhebliche Probleme bei der Aggregation verschiedener Gefühle und der Vergleichbarkeit zwischen Individuen. „Ein Bruttoglücksprodukt zu entwickeln, scheint uns beim gegenwärtigen Stand des Wissens ein zu ambitioniertes Ziel“, schreiben Kahneman und Krueger heute.

Gleichzeitig schlagen sie jedoch einen konkreten Zwischenschritt vor, den so genannten „U-Index“. Bei diesem Indikator wird darauf verzichtet, die positiven und negativen Gefühle verschiedener Menschen zu einem Glücksmaß zu verdichten. Vielmehr misst der Index nur die Zeit, die Menschen in einem unangenehmen Gefühlszustand verbringen.

Für 900 texanische Frauen haben die Wissenschaftler den Index bereits berechnet. Im Durchschnitt verbrachten diese knapp 18 Prozent ihrer Zeit im unangenehmen Zustand. Bei Frauen mit einem Haushaltseinkommen bis 35 000 Dollar liegt der Prozentsatz einen Punkt höher. Ist das Einkommen größer als 55 000 Dollar, dann sind sie ein Prozent seltener unzufrieden. Vor allem zwei Faktoren treiben den individuellen U-Index eines Menschen nach oben: lange Pendelzeiten zur Arbeit und eine depressive Ader.

Aus ihrer bisherigen Forschung ziehen Kahneman und Co. den Schluss; Es gibt einige wirksame Instrumente, mit denen eine Regierung deutlich mehr zur Hebung des allgemeinen Wohlbefindens beitragen kann, als mit Bemühungen zur Steigerung der Einkommen: Dazu zähle eine Politik, die lange Pendelzeiten der Arbeitnehmer vermeidet. Sinnvoll sei es auch, soziale Interaktion zu begünstigen – und die Behandlungsangebote für psychische Störungen, insbesondere für Depression und depressive Verstimmung zu verbessern.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent

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