Krawalle in London
Die Ökonomie der Unruhen

Vor einem Jahr verordnete Premierminister Cameron Großbritannien ein hartes Sparpaket. Nun brechen auf der Insel bürgerkriegsähnliche Zustände aus. Gibt es einen Zusammenhang?
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LondonFür den ehemaligen Londoner Bürgermeister Ken Livingstone besteht nicht die Spur eines Zweifels. Die Ausschreitungen, die seit dem vergangenen Samstag erst London und dann andere britische Großstädte erschütterten, hat die konservativ-liberale Regierung mit ihrer Sparpolitik verursacht.

"Die wirtschaftliche Stagnation und die Haushaltskürzungen der Tory-Regierung haben unvermeidlich zu sozialer Spaltung geführt", sagte der Labour-Politiker, der für seine These viel Prügel bezogen hat. Livingstone ziehe vorschnelle Schlüsse und versuche, politisches Kapital aus den Unruhen zu schlagen, lauten die Vorwürfe.

Auf den ersten Blick scheint eine Untersuchung von Wirtschaftshistorikern der Universität Pompeu Fabra in Barcelona Livingstones Argumente zu bestätigten. Die Wissenschaftler haben in ihrer Arbeit "Austerity and Anarchy: Budget Cuts and Social Unrest in Europe, 1919-2009" den Zusammenhang zwischen Unruhen und Sparprogrammen wissenschaftlich untersucht. Doch bei genauerem Hinsehen weckt die Arbeit mit dem Titel "Austerity and Anarchy: Budget Cuts and Social Unrest in Europe, 1919-2009" erhebliche Zweifel an Livingstones These.

Für den gesamten Betrachtungszeitraum stellen Jacopo Ponticelli und Hans-Joachim Voth zwar fest, dass es einen engen und kausalen Zusammenhang gab: Wenn die Regierung ihnen den Gürtel enger schnallt, werden die Bürger rebellisch. Betrachtet man aber nur die Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, verschwindet der Effekt.

Ponticelli und Voth haben Daten aus 26 europäischen Ländern untersucht. Politische und gesellschaftliche Instabilität messen die Forscher an der Häufigkeit von Demonstrationen, Putschversuchen, Attentaten und Generalstreiks und konstruieren daraus einen "Chaos-Index". Am größten war die Instabilität in der Weimarer Republik: In Deutschland gab es allein 1923 fünf Putschversuche.

Bis 1989 gibt es ein klares Muster: Sobald Regierungen Staatsausgaben streichen, nimmt die Wahrscheinlichkeit von Ausschreitungen und Unruhen deutlich zu. Je tiefer die Einschnitte ausfallen, desto heftiger sind die Krawalle. Wenn die Einschnitte größer ausfallen als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts, gibt es 30 Prozent mehr Ausschreitungen als in Zeiten von wachsenden Staatsausgaben. Über Ursache und Wirkung sagt diese Beobachtung für sich genommen zunächst aber wenig aus. Theoretisch wäre es zum Beispiel auch denkbar, dass Rezessionen sowohl zu Unruhen als auch zu Sparprogrammen führen.

Diese Wirkungskette schließen die Forscher aber aus. Wenn die Wirtschaftsleistung einbricht, aber die Regierung nicht die Ausgaben kürzt, bleibt es friedlich, stellen sie fest. Auch eine Inhaltsanalyse von Zeitungsberichten, in der die Forscher die Gründe für Instabilität betrachten, stützt ihre These, dass es sich um einen kausalen Zusammenhang handelt.

Mit höheren Staatsausgaben lassen sich die Menschen zumindest teilweise ruhigstellen. Wenn der Staat mehr Geld ausgibt, sinkt die Wahrscheinlichkeit von Unruhen - umgekehrt ist der Effekt schwächer. Bemerkenswert ist, dass all dies nur für die Jahre zwischen 1919 und 1989 gilt. Danach hat sich die Welt verändert. In den vergangenen 20 Jahren führte Austeritätspolitik in Europa nicht mehr automatisch zu sozialen Unruhen: "Seit 1989 sind vor allem nichtökonomische Faktoren für soziale Unruhen verantwortlich", schreiben die Forscher.

Kommentare zu " Krawalle in London: Die Ökonomie der Unruhen"

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  • Die Unruhen der Ökonomie.

  • Leider ist mir keine lösungsorientierte Literatur bekannt. Es existieren aber soziologische Studien auch über Großbritannien und unserem Land in diesen Studien werden auch mögliche Lösungsansätze angeboten

  • England hat schicht und ergreifend das Problem, dass sie jetzt für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen sollen. Die alten Formel (Auspündern der Kolonien der Monopol für den weltweiten Drogenhandel) funktioniert nicht mehr.

    Es ist schon bitter, wenn man sieht, wie sehr die Engländer darunter leiden, dass keiner mehr da ist, den sie ausplünden können. Kein Wunder, dass es da zu extremen Spannungen in der Gesellschaft kommt. schlimmer noch, die Migranten aus den Kolonien wollen einfach nicht mehr als rechtlose Sklaven für die Lord und die Queen arbeiten und erheben noch Ansprüche.

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