Studie: Mehr Wettbewerb auf dem Gütermarkt schafft neue Jobs
Arbeitsmarktpolitik wird auch im Kartellamt gemacht

Zu schmerzhaften Arbeitsmarkt-Reformen gibt es im Kampf für mehr Jobs durchaus eine Alternative, zeigt eine neue Studie: Die Deregulierung des Gütermarktes. Besonders groß sind die positiven Arbeitsmarkt-Effekte einer Produktmarkt-Liberalisierung in Staaten mit unflexiblem Arbeitsmarkt.
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Zerschlagt das Tarifkartell, lockert den Kündigungsschutz, kürzt die Leistungen für Arbeitslose – all das empfehlen liberale Ökonomen der deutschen Politik seit Jahren als Rezepte im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Und sie haben durchaus gute Argumente auf ihrer Seite: Die positiven Beschäftigungswirkungen solcher Reformen lassen sich theoretisch und empirisch gut begründen.

Allerdings: Eine knallharte Deregulierung des Arbeitsmarktes ist extrem unpopulär. Ex-Kanzler Gerhard Schröder hat das hautnah erlebt: Die Hartz-Reformen, die gemessen an den Maximalforderungen der Ökonomen ziemlich moderat waren, kosteten ihn 2005 die Wiederwahl.

Das hätte nicht sein müssen – diesen Schluss zumindest legt eine jüngst veröffentlichte Studie von OECD- und Hochschulökonomen nahe. Ein vierköpfiges Forscherteam um Fabio Schiantarelli, Ökonomie-Professor am amerikanischen Boston College, kommt zu dem Ergebnis: Zu schmerzhaften Arbeitsmarkt-Reformen gibt es eine Alternative – und diese lautet Deregulierung des Gütermarktes.

Die Forscher zeigen sowohl theoretisch wie auch empirisch: Mehr Wettbewerb zwischen Unternehmen führt zu höherer Beschäftigung. „Unsere Ergebnisse liefern starke Belege für die These, dass Regulierungen auf dem Gütermarkt, die die Konkurrenz zwischen Anbietern vermindern, negative Folgen für die Beschäftigung haben“, lautet das Fazit der Wissenschaftler.

Hauptgrund für dieses Phänomen ist: Je geringer die Wettbewerbsintensität auf dem Gütermarkt, desto größer ist die Marktmacht der Anbieter – und desto geringer ist die von ihnen produzierte Gütermenge. Besonders krass ist der Effekt im theoretischen Extremfall, wenn ein Anbieter allein auf dem Markt tätig ist. Es gehört zu den Grunderkenntnissen der Markt- und Preistheorie, dass im Monopol nicht nur die Preise deutlich höher sind als auf Wettbewerbsmärkten – zugleich ist die produzierte Gütermenge geringer. Und daraus folgt: Ein Monopolist braucht auch weniger Beschäftigte als Unternehmen, die im Wettbewerb stehen.

In vielen Fällen ist es der Staat, der den Wettbewerb auf Gütermärkten einschränkt – indem er Staatsunternehmen Privilegien einräumt oder Kartelle und Preisabsprachen zulässt. Die Buchpreisbindung ist ein Beispiel dafür, der Meisterzwang im Handwerk sowie das Briefmonopol der Post.

Welche Folgen solche Regulierung die Beschäftigung hat, untersucht das Forscherteam in einem theoretischen Arbeitsmarkt-Modell sowie empirisch für die OECD-Länder und die Jahre 1980 bis 2002.

In beiden Fällen lautet das Ergebnis: Eine Deregulierung des Gütermarktes schafft neue Jobs. „Unsere Ergebnisse bestätigen, dass frühere Reformen in den Industriestaaten zu beträchtlichen Beschäftigungsanstiegen geführt haben“, schreiben die Forscher.

Erstaunlich ist: Besonders groß sind die positiven Arbeitsmarkt-Effekte einer Produktmarkt-Liberalisierung in Staaten mit unflexiblem Arbeitsmarkt.

Die Autoren erklären das so: In Ländern, in denen Gewerkschaften wenig zu sagen haben und der Arbeitsmarkt flexibel ist, pendeln sich die Löhne so ein, dass wenig Arbeitslosigkeit entsteht. Und wenn ohnehin quasi Vollbeschäftigung herrscht, dann können durch eine Liberalisierung der Gütermärkte kaum neue Jobs entstehen. Anders ist es in Ländern, in denen dichte Arbeitsmarkt-Regulierung und hohe Gewerkschaftsmacht zu höheren Löhnen und Arbeitslosigkeit führt: Hier ist durch eine Deregulierung der Gütermärkte bei der Beschäftigung einiges zu holen.

„In diesem Sinne kann man Produkt- und Arbeitsmarkt-Deregulierung als Substitute klassifizieren“, schreiben die Forscher. Zugleich finden sie aber auch Anzeichen dafür, dass ein härterer Wettbewerb auf dem Gütermarkt im Laufe der Zeit die Verhandlungsposition der Beschäftigten schwächt und so indirekt zu mehr Flexibilisierung auf dem Arbeitsmarkt führt.

„Deregulierung der Produktmärkte führt daher mit Blick auf die langfristigen Beschäftigungseffekte einer doppelten Dividende“, betonen die Wissenschaftler.

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