Studie
Trockener Geldhahn bei der Bundesbank?

Die Kreditschöpfung der deutschen Notenbank wird nach Ansicht von Ifo-Chef Hans-Werner Sinn durch EZB-Darlehen an Krisenländer immer weiter verdrängt. Aber welche Folgen hat das?
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DüsseldorfDer Schritt war aus der Not geboren: Seit Herbst 2008 bekommen private Geldinstitute bei der Europäischen Zentralbank so viel neues Geld, wie sie wollen – vorausgesetzt, sie bezahlen den Leitzins und bringen die richtigen Sicherheiten mit. Damit wollte die EZB die Bankenkrise bändigen.

Eine massive Verzerrung der Geldschöpfung in der Euro-Zone ist nach Einschätzung des Münchener Ökonomen Hans-Werner Sinn die Folge dieses Vorgehens.

So hätten die „GIPS-Länder“ Griechenland, Irland, Portugal und Spanien nur einen Anteil von 18 Prozent an der Wirtschaftsleistung der Euro-Zone – doch auf sie entfielen heute 66 Prozent des durch Notenbankkredite im Euro-Raum geschaffenen Geldes. 2007 waren es erst 13 Prozent. Der Anteil deutscher Banken daran ging im gleichen Zeitraum von 55 auf 14 Prozent zurück.

Dieses Phänomen beschreibt Sinn zusammen mit seinem Ko-Autor Timo Wollmershäuser in einer neuen Studie mit dem Titel „Target-Kredite, Leistungsbilanzsalden und der Rettungsschirm der EZB“. Die Ursache dafür seien die Salden im Target-2-System, in dem europäische Notenbanken ihren Zahlungsverkehr organisieren. Die Notenbanken der GIPS-Länder haben bis Ende 2010 gegenüber der EZB Verbindlichkeiten von 340 Milliarden Euro aufgebaut. Die Bundesbank hat Forderungen in Höhe von 326 Milliarden Euro.

Sinn streitet sich seit Monaten mit Notenbankern, Hochschulvolkswirten und Journalisten über die Target-2-Salden. Er kritisiert, das Vorgehen der EZB verdränge in Deutschland Notenbankkredite. Ein Kredit, der nach Griechenland gehe, stehe für eine deutsche Bank nicht mehr zur Verfügung.

Das gelte, obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der Finanzkrise eine Vollzuteilungspolitik betreibe, bei der die Geschäftsbanken jede gewünschte Menge Kredit zu einem festen, niedrigen Zins erhielten.

In einer neuen Studie hat Sinn seine Argumentation jetzt präzisiert. Nicht das Geldangebot sei begrenzt, sondern die Geldnachfrage, die nach den gängigen makroökonomischen Modellen „auf jenes Niveau, das durch die Wirtschaftsleistung und die Zahlungssitten eines Landes bestimmt ist“, beschränkt sei.

Kritiker wenden ein, es sei ökonomisch irrelevant, wo im Euro-Raum die Geldschöpfung stattfinde – ein Euro aus Griechenland sei identisch mit einem aus Deutschland.

Sinn räumt ein, dass das von ihm beschriebene Phänomen nicht dazu führe, dass deutsche Unternehmen weniger Kredite bekommen: „Von einer Kreditklemme ist nie die Rede gewesen.“ Da sei er von manchen Kritikern missverstanden worden. Dennoch sei nicht zu leugnen, dass die Target-Forderungen der GIPS-Länder eins zu eins die Kreditnachfrage in anderen Ländern reduzierten. So nehme die Deutsche Bank seit Monaten nicht mehr an den Finanzierungsgeschäften der Bundesbank teil, „weil sie durch das im Zuge der Zahlungsvorgänge ihrer Kunden hereinströmende Geld schon liquide genug ist“, heißt es in der neuen Studie.

Die Target-2-Salden seien keine irrelevanten Verrechnungssalden. „Vielmehr messen sie einen durch das EZB-System erzwungenen Kapitalexport von den Kernländern des Euro-Raums in die Länder der Peripherie, der in der Krise an die Stelle des versiegenden privaten Kapitalexports getreten ist.“
 

„Target-Kredite, Leistungsbilanzsalden und der Rettungsschirm der EZB“ – von H.-W. Sinn und T. Wollmershäuser, Ifo Arbeitspapier 105 (Juni 2010), Kostenloser Download: www.handelsblatt.com/link


Kommentare zu " Studie: Trockener Geldhahn bei der Bundesbank?"

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  • Zwar wird der Geldhahn nicht austrocknen, aber die Implikationen einer fortgesetzten Ausweitung der TARGET2 Salden für die Geldpolitik der EZB sind nicht trivial...
    http://ssrn.com/abstract=1875565

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