Wie Einwanderer Preise unter Druck bringen
Viele Russen - billiger Wodka

Verkehrte Welt für Ökonomen: Als 1990 auf einen Schlag viele russische Juden nach Israel einwanderten, wurde dort der Kartoffelschnaps billiger. Diese und andere paradoxe Preiseffekte weist ein Ökonom aus Jerusalem in einer neuen Studie nach - und liefert eine faszinierende Erklärung für die Phänomene.
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Was passiert auf einem Markt, wenn die Nachfrage nach einem Gut plötzlich deutlich zunimmt? Die Antwort lernt jeder Ökonomie-Student im ersten Semester: Der Preis steigt. Dieses Phänomen ist theoretisch wie empirisch derart gesichert, dass es in der Wirtschaftswissenschaft quasi den Stellenwert eines Naturgesetzes hat.

Umso bemerkenswerter ist eine Studie, die demnächst im "Journal of Political Economy" erscheint, einer der ältesten und angesehensten ökonomischen Fachzeitschriften der Welt. Darin weist der Ökonomen Saul Lach von der Hebrew University of Jerusalem nach: Im wahren Leben gibt es durchaus Situationen, in denen steigende Nachfrage nicht zu höheren, sondern zu niedrigeren Preisen führt.

Der Wissenschaftler zeigt dies mit einer detaillierten Fallstudie am Beispiel Israels im Jahre 1990. Das Land erlebte damals den Beginn einer dramatischen Einwanderungswelle: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs emigrierten innerhalb von wenigen Monaten fast 200 000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel. Die Bevölkerungszahl stieg dadurch innerhalb eines Jahres um vier Prozent an. Ökonomisch betrachtet bedeutete dies: Die Zahl der Konsumenten in Israel nahm unerwartet und in kurzer Zeit massiv zu - mit erheblichen Folgen für das Spiel von Angebot und Nachfrage, wie Lach in seiner Studie zeigt.

Datenbasis der Untersuchung sind monatliche Preisdaten, die das israelische Statistikamt für die Berechnung der Inflationsrate erhob und die dem Forscher in extrem disaggregierter Form vorlagen: Für rund 1 000 Produkte kennt Lach die monatlichen Preise in 1 800 individuellen Geschäften in 52 Städten.

Um die ökonomischen Effekte der Zuwanderungswelle analysieren zu können, nutzte der Forscher einen Zufall aus: Die russischen Einwanderer konzentrierten sich auf bestimmte Städte und Regionen, sie waren nicht gleichförmig über das Land verteilt. In manchen Landstrichen lebten auch Ende 1990 gar keine oder nur wenige Zuwanderer, in anderen Regionen dagegen waren es mehr als doppelt so viele als im Landesdurchschnitt.

Der Forscher analysierte, ob es zwischen diesen unterschiedlichen Regionen systematische Unterschiede in der Inflationsentwicklung gab. Und er wurde fündig: Je mehr Einwanderer aus Russland in eine Stadt zogen, desto stärker gerieten dort die Lebensmittelpreise unter Druck, stellte Lach fest.

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