Wirtschaftsgeschichte
Die Kleinigkeit, die Marx und Engels übersahen

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen“, schrieben Karl Marx und Friedrich Engels 1848 im Kommunistischen Manifest – und prophezeiten: „Die Bourgeoisie hat nicht nur die Waffen geschmiedet, die ihr den Tod bringen; sie hat auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.“
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Heute, 158 Jahre später, ist klar: Die Geschichte verlief ein bisschen anders. Statt sich zur Revolution zu erheben, löste sich das Proletariat als gesellschaftliche Kraft in Luft auf. Und mit ihm die Ära des Pauperismus.

Was der Grund war für das Verschwinden der Klassengesellschaft, diese Frage treibt Historiker und Ökonomen bis heute um. Die gängige Erklärung lautet: Aus Furcht vor einer kommunistischen Revolution machten Regierungen und Unternehmer im Laufe der Jahre der Arbeiterbewegung immer mehr Zugeständnisse.

Zwei israelische Makroökonomen stellen diese Sicht jetzt in Frage. Die Forscher Oded Galor und Omer Moav argumentieren in einer Arbeit, die im renommierten „Review of Economic Studies“ erschienen ist: Die Interessenskonflikte zwischen Kapital und Arbeit hätten sich im Laufe der industriellen Revolution nicht etwa ausgeweitet, wie Marx und Engels prognostiziert hatten, sondern sie seien nach und nach kleiner geworden. Zwischen Unternehmern und Arbeitern habe sich zunehmend eine „produktive Kooperation“ herausgebildet.

Galor und Moav gaben ihrer auf Englisch verfassten Studie einen deutschen Titel gegeben: „Das Human-Kapital“ – eine Anspielung auf das Hauptwerk von Marx, „Das Kapital“. Denn ihre These lautet: Marx hat die Bedeutung des Faktors Humankapital im Produktionsprozess vollkommen unterschätzt. Dies sei der wichtigste Grund dafür, dass sich seine Vorhersagen als falsch erwiesen.

Tatsächlich hätten immer kompliziertere Maschinen und immer ausgeklügeltere Arbeitsabläufe im Laufe der Jahrzehnte zunehmend besser ausgebildete Beschäftigte erfordert. Vor allem wuchs in der Industrie der Bedarf an Arbeitern, die Schreiben und Lesen konnten Dadurch sei es für die Unternehmen lohnender geworden, nicht nur in Sach-, sondern auch in Humankapital zu investieren.

Denn beides – das ist der Kern der Argumentation – sind im Produktionsprozess komplementäre Güter : Unternehmen kommen weder ohne das eine noch ohne das andere aus. Wenn in einem Land das Bildungs- und Qualifikationsniveau steigt, nützt dies also auch den „Kapitalisten“.

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