Plus im Außenhandel
Deutschland exportiert gegen die Krise

Die deutschen Exporte haben im August überraschend zugelegt – und der leidenden Wirtschaft etwas Auftrieb gegeben. Vor allem außerhalb Europas stieg die Nachfrage. Die Industrieproduktion wurde dennoch zurückgefahren.
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BerlinDie deutschen Exporte haben im August überraschend zugelegt und der schwächelnden Wirtschaft damit etwas Auftrieb beschert. Die Ausfuhren stiegen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes um 2,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat. Von Reuters befragte Ökonomen wurden auf dem falschen Fuß erwischt, da sie einen Rückgang um 0,5 Prozent erwartet hatten. „Es ist unglaublich, wie sich die deutsche Exportwirtschaft in einem rauen Umfeld schlägt“, sagte DekaBank-Experte Andreas Scheuerle am Montag. Die Daten dürften die deutsche Wirtschaftsleistung im dritten Quartal positiv beeinflussen. Es werde aber ein „Balance-Akt auf der Null-Linie“, mit Tendenz zum Miniwachstum, sagte Scheuerle voraus.

Die Unternehmen verkauften im August Waren im Wert von 90,1 Milliarden Euro ins Ausland. Das sind 5,8 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Exporte in die Euro-Länder gingen zum Vorjahr hingegen um 3,1 Prozent zurück. Die Ausfuhren in die gesamte Europäische Union zogen um 0,4 Prozent an, und die Lieferungen in Staaten außerhalb Europas legten sogar um 13 Prozent zu.

Dennoch werden die Bäume aus Sicht von Fachleuten nicht in den Himmel wachsen: „Der Trend für die nächsten Monate weist eher auf eine Abschwächung hin“, sagte Ulrike Kastens von Sal Oppenheim. Sie rechnet mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im dritten Quartal, der aber dank des Außenhandels nur gering ausfallen werde.

Die heimische Wirtschaft war Anfang 2012 noch um 0,5 Prozent im Quartal gewachsen, im Frühjahr nur noch um 0,3 Prozent. Viele Experten rechnen mittlerweile damit, dass beim Wachstum für das Gesamtjahr keine Eins vor dem Komma stehen wird. So erwartet auch der Internationale Währungsfonds (IWF) nach Informationen des „Handelsblatts“ für dieses und nächstes Jahr nur ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von jeweils 0,9 Prozent.

Importe ziehen leicht an

In den ersten acht Monaten erhöhten sich die Exporte zum Vorjahr um 5,5 Prozent auf 734,1 Milliarden Euro. Der Branchenverband BGA rechnet im Gesamtjahr mit einem Plus von gut vier Prozent. Die deutschen Importe zogen im August im Vergleich zum Vormonat um 0,3 Prozent an, so wie es Ökonomen erwartet hatten. Die Einfuhren summierten sich auf 73,8 Milliarden Euro, was einem Plus von 0,4 Prozent im Vergleich zum August 2011 entspricht. Die Handelsbilanz - die Differenz zwischen Exporten und Importen - wies einen saison- und kalenderbereinigten Überschuss von 18,3 Milliarden Euro aus.

Industrie verringert Produktion

Ihre Produktion hat die deutsche Wirtschaft im August dagegen trotzdem zurückgefahren. Die Unternehmen stellten 0,5 Prozent weniger her als im Vormonat, wie das Bundeswirtschaftsministerium am Montag mitteilte. Von Reuters befragte Analysten hatten mit einem noch stärkeren Rückgang von 0,8 Prozent gerechnet. Im Juli hatte es nach revidierten Daten ein Plus von 1,2 Prozent gegeben. Das Bundeswirtschaftsministerium sprach von einer leichten Abschwächung, die allerdings durch einen Ferieneffekt statistisch überzeichnet sei. Tendenziell zeige sich die Erzeugung weiter recht stabil.

Wachstum Bruttioinlandsprodukt

Deutschland (in %)

20122013
Prognose Juli 20121,01,4
Prognose Oktober 20120,90,9
Quelle: World Economic Outlook (IWF)

Die Industrie verringerte ihre Produktion im August um 0,5 Prozent. Wesentlich kräftiger trat die Baubranche auf die Bremse, die ihre Fertigung um 2,8 Prozent zurückfuhr. In der Industrie hielten die Maschinenbauer und andere Hersteller von Investitionsgütern die Produktion immerhin stabil. Anders bei den Herstellern von Vorleistungsgütern, die den Ausstoß um 1,3 Prozent verringerten. Die Produzenten von Konsumgütern fuhren die Produktion hingegen um 0,3 Prozent hoch. Noch besser lief es für die Energieversorger, die ihre Leistung sogar um 1,5 Prozent steigerten.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Der Handelsbilanzüberschuss bedeutet mit den meisten Ländern auch einen Leistungsbilanzüberschuss. Das heißt dann, dass wir unsere Waren auf Kredit an diese Länder verkaufen und hoffen, den KRedit irgendwann wieder zu bekommen. Meist tilgt jedoch der deutsche Staat diesen Kredit - sei es über reguläre EU-Subventionen oder über Schuldenschnitte und Rettungsschirme. De facto handelt es sich dabei um Exportsubventionen. Und die zahlt...ja, richtig: Der deutsche Lohnsteuerzahler und Konsument.

    Unsere Volkswirtschaft täte gut daran, weniger Güter für den Export herzustellen und langsam den privaten Konsum zu steigern. Das ginge locker über reale Lohnsteigerungen im Rahmen des Produktivitätsfortschritts. Nebenbei würde unser Targetsaldo schrittweise entlastet.

  • Früher konnte man solchen Berichten immer entnehmen, wieviel % des Exportes in der EU, im Euroraum und außerhalb der EU abgesetzt wurden.
    Seitdem der Export in die EU und die Euroländer relativ gesunken ist, mittlerweile gehen weniger als 40 % in die Euroländer und weniger als 60 % in die EU, kann man sich die Zahlen aus den Daten nicht mal mehr ausrechnen und die Prozentzahlen schon gar nicht mehr direkt entnehmen.
    Schade. Man merkt die Absicht. Wir sollen dumm bleiben und EU und EURO weiter für die wichtigste Sache der Welt halten.
    Ich freue mich jedenfalls, dass EU und die Euroländer für den deutschen Exüport an Bedeutung relativ verlieren.
    Dadurch sind wir weniger erpressbar.


  • "...und der leidenden Wirtschaft" (Zitat Teaser)

    Die Presse wird für mich immer mehr wie ein kleines Kind. Aufmerksamkeit erhaschen durch übertriebene Darstellung des tatsächlichen. Die Wirtschaft geht mal ein 0,X Prozentpünktchen besser als erwartet --> Die Wirtschaft boom und steht kurz vor der Explosion (Dramatik, vor allem mit negativem Ausblick, verkauft sich doch noch besser als die gute Nachricht an sich), läuft es dann aber weniger gut, aber noch nicht gleich schlecht, dann "leidet" die Wirtschaft.

    Muss denn nur wegen der medialen Präsens oder irgendeiner Quote aus jedem Zucken ein epileptischer Anfall des Objekts werden?

    Und statt das hoch und runter zu dramatisieren, könnten diese Daten auch einmal in Relation zu einander gesetzt werden. zum Beispiel zum Basiswert. Leider relativiert das aber auch das Reißerische der Überschrift....

    Auch die Kunst des Schreibens erlaubt Ausdrucksformen zwischen himmelhochjauchzend und zutodebetrübt.

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