Scharfe Worte
Der Bundesbankchef und die Trümmerfrauen

Kein "Weiter so" auf den Finanzmärkten: Mit scharfen Worten hat sich Bundesbankpräsident Axel Weber gegen die Meinung gewandt, die derzeitige Finanzkrise sei mit einigen kleineren Korrekturen zu bewältigen. In der Hertie School of Governance in Berlin dominierte Weber eine in dieser Form seltene Debatte.

BERLIN. Bundesbankpräsident Axel Weber hat sich am Freitag bei einer Diskussion über die Finanzkrise in Berlin mit scharfen Worten gegen die Illusion gewandt, "es könne ein munteres 'Weiter so' an den Finanzmärkten geben." Die Entwicklung sei so dramatisch, dass es mit einigen kleineren Korrekturen nicht getan sei. Alles, was derzeit zur Verbesserung der Regulierung und der Aufsicht laufe, falle noch in eine erste Phase des Aufräumens und des Nachsteuerns. Es sei kein Zufall, dass deshalb "der Begriff der Trümmerfrauen fällt".

Daran müsse sich aber eine viel umfassendere Reorientierung anschließen: "Die Exzesse waren so stark, das wir viel grundsätzlicher rangehen müssen. Die Finanzmärkte der Zukunft werden nicht mehr allzuviel mit denen der Vergangenheit zu tun haben". International werde man eine neue Balance zwischen Regulierung und Freiheit der Märkte finden müssen. Der G20-Gipfel in London Anfang April werde dazu weitreichende Beschlüsse fassen.

Weber diskutierte in der Hertie School of Governance mit Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen, der Professorin Beatrice Weder di Mauro vom Sachverständigenrat, HRW-Aufsichtsratschef Michael Endres und Ex-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf. Weber dominierte die in dieser Form seltene Debatte. Sowohl was die Erklärung der Krise angeht als auch im Hinblick auf die notwendigen weiteren Schritte kamen die wichtigsten Beiträge von ihm. Ungewöhnlich locker und selbstironisch für einen Bundesbankchef verwies er darauf, dass Geldpolitik selten mit Beifall begleitet werde, deshalb brauche man "eine Statur wie meine, um den Job machen zu können" - ein Hinweis auf seine beachtliche Größe und sein stabiles Aussehen.

Bei den Zinsen in der Eurozone sieht Weber noch Spielraum nach unten. "Ich schließe nicht aus, dass wir die Zinsen weiter senken werden", sagte er. Es sei auch möglich, dass die Europäische Zentralbank, deren Rat er angehört, neue Refinanzierungsoperationen starte mit dem Ziel, die Refinanzierungsbedingungen am Interbankenmarkt zu normalisieren. Es sei eine "unabdingbare Nebenbedingung unserer Geldpolitik", dass die Banken Zinssenkungen an die Wirtschaft und an die Haushalte weitergäben. "Es ist jetzt fünf vor zwölf, wenn die Banken es nicht machen, müssten die Notenbanken notfalls selber die Kreditversorgung sicherstellen", warnte Weber. Allerdings sei dieser Punkt noch ein gutes Stück entfernt, die Kreditversorgung der Wirtschaft nicht gefährdet.

Weber verlangte von der Politik, den Notenbanken ein neues Instrumentarium für Eingriffe zur Verfügung zu stellen. Es sei nicht damit getan, die Notenbanken zu mehr und besserer Frühwarnung aufzufordern: "Wir müssen wirkungsvoll eingreifen können, da darf man politisch nicht zu kurz springen."

Den deutschen Banken warf er vor, "auf jedes Risiko draufgesprungen" zu sein, "das global unterwegs war". Weil der heimische Kreditmarkt nur schwach wuchs, hätten sie sich international auf übermäßig riskante Produkte eingelassen. Enders sekundierte an dieser Stelle: Die Banker hätten ihre ureigenste Aufgabe vernachlässigt, Risiken zu bewerten und sich blind auf das Urteil der Ratingagentruen verlassen, und das "bei Produkten, die sie nicht verstanden haben."

Mit einem Seitenhieb auf Weder di Mauro, die in einem Zeitungsartikel die staatliche Rettungsaktion für die Hypo Real Estate (HRE) und die Systemrelevanz der Bank infrage gestellt hatte, sagte Weber: "Niemandem, der bei gesundem Menschenverstand ist, würde ich raten, die HRE in Insolvenz gehen zu lassen. Das würde einen neuen Flächenbrand in Deutschland und auf den internationalen Märkten auslösen". Asmussen bezeichnete den G20-Gipfel in London als "Zwischenschritt", danach müsse die Arbeit weitergehen auf der Ebene unterhalb von Staatschefs und Ministern: "Die eigentliche Kärrnerarbeit beginnt dann erst."

Thomas Hanke
Thomas Hanke
Handelsblatt / Korrespondent in Paris
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