Semantisches Dilemma erschwert Fed-Chef Greenspan die Einleitung der Zinswende in den USA
Der Fluch eines Versprechens

Obwohl niemand an der Wall Street von der Sitzung der US-Notenbank am Dienstag eine Zinsänderung erwartet, sind die Chefvolkswirte der Großbanken so gespalten wie nur selten zuvor. Die Ökonomen streiten darüber, wie die Federal Reserve (Fed) die Zinswende nach oben vorbereiten soll.

NEW YORK. Die einen fordern, dass die Fed ihre Zusage zurücknimmt, die Leitzinsen für ein „bedeutende Zeit“ niedrig zu lassen. Die anderen wollen aus Angst vor einer negativen Reaktion der Finanzmärkte daran festhalten.

Was wie ein semantischer Zwist unter Experten wirkt, kann nicht nur die Aktien- und Anleihemärkte erheblich beeinflussen, sondern auch den Fortgang der wirtschaftlichen Erholung in den USA. Hat die Fed es doch seit August mit ihrer Selbstverpflichtung geschafft, auch die langfristigen Zinsen auf einem moderaten Niveau nahezu stabil zu halten. So schwankt die Rendite für die zehnjährigen US-Staatsanleihen seit dem Spätsommer nur noch zwischen 4 und 4,5 %. Der Zielsatz der Notenbank für das Tagesgeld unter Banken liegt bei 1 %. Hohe und stark schwankende Zinsen können die Investitionsbereitschaft der Unternehmen negativ beeinflussen.

„Ich rechne nach den jüngsten Arbeitsmarktdaten nicht damit, dass die Fed ihre Zusage zurücknimmt“, sagt Diane Swonk, Chefökonom bei Bank One in Chicago. Die Arbeitslosigkeit ist zwar im November auf 5,9 % gesunken, der Beschäftgungsanstieg fiel mit 57 000 Stellen jedoch deutlich geringer aus als von den Experten erwartet worden war. „Bei einem Zuwachs von 200 000 Jobs hätten alle mit einer Reaktion der Fed gerechnet. So aber wäre ein verbaler Kurswechsel der Notenbank ein wirklicher Schock für die Märkte“, sagt Swonk. Auf den Terminmärkten ist zwar eine Zinserhöhung für das Frühjahr 2004 bereits eingepreist, dennoch reagieren die Händler von Zinskontrakten äußerst sensibel auf jeden neuen Zungenschlag der Notenbanker.

Fed-Chef Alan Greenspan hatte in einer Rede Anfang November einen verbalen Versuchsballon steigen lassen, um die Reaktion der Finanzmärkte zu testen. Statt von einer „bedeutenden Zeit“ für die Dauer der Zinspause sprach er davon, dass die Notenbank unter den gegebenen Umständen in der Lage sei, „geduldiger“ zu sein. In der Vergangenheit hat die Fed während eines Aufschwungs meist frühzeitig die Zinsen erhöht, um jede Inflationsgefahr im Keim zu ersticken. „Die Bedingungen heute sind jedoch nicht typisch“, erklärte kürzlich Robert Parry, Fed-Gouverneur von San Francisco. Dies sei der erste Aufschwung seit mehr als 40 Jahren, der mit einer sehr niedrigen Inflationsrate beginne.

Die Preissteigerungsrate für Konsumausgaben (ohne Lebensmittel und Energie) liegt derzeit unter 1,5 %. Hinzu kommt, dass das starke Produktivitätswachstum von zuletzt mehr als 9 % den Spielraum der Wirtschaft für ein inflationsfreies Wachstum erhöht. So sind zum Beispiel die Lohnstückkosten zuletzt um mehr als 2 % gefallen. Außerdem sind die Produktionskapazitäten der Industrie trotz des starken Wachstums nur zu drei Viertel ausgelastet.

Dennoch: Viele Ökonomen halten das Versprechen, die Zinsen für eine „bedeutende Zeit“ niedrig zu halten, angesichts einer durchstartenden US-Konjunktur für nicht mehr zeitgemäß. Die Formulierung habe sich „überlebt“, sagte Peter Hooper, Chefökonom der Deutschen Bank, der Nachrichtenagentur Bloomberg. Sein Kollege David Resler von der japanischen Großbank Nomura Securities befürchtet sogar, dass die Stabilität der Finanzmärkte um so stärker gefährdet werde, je länger die Fed an ihrem Versprechen festhalte.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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