"Stimmung schlechter als die Lage"
Deutsche Wirtschaft kommt auch 2006 kaum in Fahrt

Die deutsche Industrie ist mit einem kräftigen Produktionsanstieg überraschend schwungvoll ins dritte Quartal gestartet. Wegen des hohen Ölpreises wird die Wirtschaft jedoch dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) zufolge auch im kommenden Jahr kaum in Fahrt kommen.

HB BERLIN. „Mit dem nochmaligen Preissprung beim Rohöl haben sich die Aussichten für die deutsche Konjunktur verschlechtert“, erläuterten die IfW-Forscher am Mittwoch, die 2006 nur noch 1,1 nach zuvor 1,3 Prozent Wachstum erwarten. Zwar werde die Wirtschaft von einem vorübergehenden Aufschwung im Ausland profitieren. „Die Binnennachfrage dürfte dagegen etwas abnehmen, nicht zuletzt weil die Konsumfreude der privaten Haushalte durch den Ölpreisanstieg gedämpft wird.“ Die Fußball-WM werde sich beim Wachstum kaum bemerkbar machen.

Zumindest die Stagnation im Frühjahr 2005 hat die Wirtschaft jedoch überwunden. Das gesamte Produzierende Gewerbe - Industrie, Bau und Energiewirtschaft - stellte im Juli saisonbereinigt 1,2 Prozent mehr her als im Juni. „Der Aufwärtstrend der Industrieproduktion hat sich bestätigt und wird sich im weiteren Jahresverlauf fortsetzen“, zeigte sich Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) überzeugt.

Für dieses Jahr geht das IfW weiter von einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,7 Prozent aus. Die Regierung erwartet wie auch die meisten anderen Experten ein Wachstum von rund einem Prozent. „Zum Jahresende dürfte sich der Produktionsanstieg leicht beschleunigen. Die Impulse kommen dabei ausschließlich aus dem Ausland“, erläuterten die Kieler Forscher. Sie erwarten 2005 einen Export-Anstieg um gut sechs Prozent und 2006 dank eines vorübergehenden Wirtschaftsaufschwungs im Ausland sogar ein Plus von mehr als sieben Prozent.

„Stimuliert wird der Export im kommenden Jahr auch dadurch, dass die Fußballweltmeisterschaft in Deutschland ausgetragen wird“, erklärt das IfW unter Verweis darauf, dass die Ausgaben der erwarteten rund eine Million ausländischen Gäste als Export verbucht werden. Dem mageren deutschen Wirtschaftswachstum werde die WM aber kaum auf die Beine helfen. Die von der Union geplante Senkung der Sozialbeiträge in Verbindung mit der Mehrwertsteuer-Erhöhung helfe dem Export ebenfalls, da sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit verbessere. Der Wahlausgang beeinflusse die Konjunktur insgesamt aber kaum, da die Wahlprogramme von Union und SPD zu ähnlich seien.

Die privaten Konsumausgaben sieht das IfW dagegen pessimistisch, sie werden der Prognose zufolge in diesem und im kommenden Jahr sinken. Auch das Gastgewerbe leidet weiter unter der Zurückhaltung der Verbraucher: Die Gastronomen und Hoteliers verkauften im Juli real gut ein Prozent weniger als vor einem Jahr. Auf Grund der andauernden Konsumschwäche wird die Wirtschaftserholung nach Einschätzung des IfW schon in der zweiten Jahreshälfte 2006 abflauen.

Angesichts des deutlichen Produktionsanstiegs und der zuletzt guten Auftragsdaten warnten Volkswirte jedoch vor übertriebenem Pessimismus. „Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die Stimmung in der deutschen Wirtschaft derzeit schlechter ist als die Lage“, kommentierte Stefan Mütze von der Helaba. Noch scheine die Industrie mit dem hohen Ölpreis ganz gut fertig zu werden, auch wenn er das Wachstum in Zukunft bremsen dürfte.

Schon im August fürchteten die Experten schlechtere Industriedaten, da das Ifo-Geschäftsklima und der Einkaufsmanagerindex der Industrie zuletzt gesunken waren.

Das IfW wies jedoch darauf hin, dass der hohe Ölpreis nicht nur bremsende Wirkung auf die Konjunktur hat. So dürften die Förderländer ihre hohen Einnahmen teilweise auch für deutsche Waren ausgeben. Zudem sei der Ölpreis auch deshalb so hoch, weil die chinesische Wirtschaft weiter boomt - auch davon profitiere die deutsche Wirtschaft.

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