Streitgespräch
„Kinder kann man nicht kaufen“

Der ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup ist überzeugt, dass die „fetten Jahre“ für Deutschland erst noch kommen. Ex-Ministerpräsident Kurz Biedenkopf (CDU) widerspricht: Deutschland stehe vor Herausforderungen.
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FrankfurtHandelsblatt: Deutschland wächst kräftig – trotz der Euro-Schuldenkrise. Ist unser Land immun?

Bert Rürup: Die deutsche Volkswirtschaft ist schlicht fit. In keinem anderen Land hat es in den vergangenen zehn Jahren so weitreichende Reformen gegeben. Das Vorurteil, die Politik sei reformunfähig, ist klar widerlegt. Auch die Unternehmen haben sich neu erfunden, wir haben die leistungsfähigste Industrie der Welt und die Gewerkschaften haben dies über eine wachstums- und beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik mitgetragen. Zudem sind wir nicht der Versuchung erlegen, den Finanzsektor so auszudehnen wie in Großbritannien oder den USA. Das alles zahlt sich jetzt aus.

Handelsblatt: Herr Rürup, Sie sagen in Ihrem Buch „Fette Jahre“ voraus, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren schneller wachsen wird als andere Industrieländer. Wie begründen Sie diese Wunderwelt?

Rürup: Das ist keine Wunderwelt, ich habe nur keine dunkle Brille vor den Augen. In den nächsten acht bis zehn Jahren werden Länder wie Brasilien, Indien und China, aber auch andere aufstrebende Nationen wie Indonesien, die Türkei oder Polen nicht nachlassen, dynamisch zu wachsen. Es ist ein historischer Glücksfall, dass gleichzeitig derart bevölkerungsreiche Länder ihre Volkswirtschaften industrialisieren – für das Exportland Deutschland ist das eine einmalige Chance. Denn die von der deutschen Industrie angebotenen Produkte passen genau zur Nachfrage aus diesen Ländern.

Handelsblatt: Was folgt daraus?
Rürup: Daraus folgt, dass unser Wachstumspfad in den nächsten zehn Jahren höher sein wird als in der vergangenen Dekade. Die Verschiebung der weltwirtschaftlichen Wachstumszentren, der Euro und die sehr intensive Einbindung Deutschlands in den Welthandel eröffnen Wohlstands- und Wachstumschancen, die unsere alternde Gesellschaft sonst nicht hätte.

Kurt Biedenkopf: Diese Aussage ist weder ökonomisch gesichert noch politisch plausibel. Das liegt daran, dass sich die Regierungen in Deutschland mit Reformen ausgesprochen schwergetan haben. Es gab Bundeskanzler, von denen es heißt, sie hätten die notwendigen Reformen ausgesessen. Ich habe hohen Respekt vor der Agenda 2010, aber ein Reformprojekt dieser Dimension war eine Besonderheit und kein politischer Normalfall für Deutschland. Diese Zurückhaltung vieler deutscher Politiker vor umfassenden Reformen muss man berücksichtigen, wenn man Aussagen über die Wachstumschancen unseres Landes für die nächsten 20 Jahre macht. Ich habe zudem Zweifel, ob es überhaupt sinnvoll ist, „fette Jahre“ zu versprechen.

Handelsblatt: Weshalb nicht? Streben nicht alle Volkswirtschaften danach? Wohlstand für alle wollte doch schon Ludwig Erhard.

Biedenkopf: Erhard wollte Wohlstand für alle, aber keine fetten Jahre. Rein ökonomische, materialistische Sichtweisen lehnte er ab. Die Welt ist tatsächlich viel komplexer, als es die Rechenmodelle der Volkswirtschaftslehre zeigen. Ständiges Wachstum setzt nicht nur voraus, dass die Unternehmen leistungsstark bleiben. Die Menschen müssen auch bereit sein, auf Dauer immer anspruchsvolleren und anstrengenderen Tätigkeiten nachzugehen, statt mehr freie Zeit für sich und andere Interessen zu haben. Wirtschaftswachstum ist die Folge einer leistungsfähigen Wirtschaft und ihrer Wirtschaftsverfassung – nicht ihre Bedingung.

Rürup: Das stimmt. Aber ich habe meine Zweifel, dass die Masse der Deutschen so saturiert ist, dass ihnen ein höheres Einkommen gleichgültig ist. Die Menschen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren bewiesen, wie leistungsfähig sie sind und dass sie sich selbst und das Land nach vorne bringen wollen. Anders als vor zehn Jahren, als Pessimismus wie Mehltau auf Deutschland lag, sind wir heute viel besser aufgestellt.

Kommentare zu " Streitgespräch: „Kinder kann man nicht kaufen“"

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  • ... und im Lehrsaal erst recht!

    Nach zehn Jahren Bohlenisierung kommt jetzt die Maschmeyerisierung und Rürupisierung der Republik. Nach Persillächeln und Solariumbräune per TV kommt als Wachstumsoptimismus verbrämter Schund in Buchform. Alle gleich realitätsfern, aber medienfreundlich zur weiteren Ruhigstellung der abgezockten Bevölkerung, ohne langfristige Perspektive für die kommende, dezimierte Generation.

  • 30.03.2012, 19:18 Uhr DonSarkasmo

    30.03.2012, 19:44 Uhr Anonymer Benutzer: RD1


    Nee, nee …

    100 % Realitätsverlust?

    Wann haben die denn mal in der Realität gelebt …

    Nichts ist unmöglich, schauen wir mal, was da noch alles auf uns zukommt.

  • Nichts gegen Herrn Rürup, aber die Rürup-Rente funktioniert nicht und wird unsere Rentenproblematik in 20 Jahren nicht beheben. Meine Generation arbeitet 3 mal so hart wie die unserer Eltern. Wir erledigen in der gleichen Arbeitszeit 3 mal soviel, da Zeitmanagement und Projektmanagement uns dazu befähigen. Aber wir spüren auch, was diese Dauerpower mit uns macht. Keine Zeit mehr zum Geld ausgeben oder Genießen. Ich persönlich stelle jetzt Familie und Freizeit deutlich vor den Konsum und die Karriere. Die jüngere Generation tut dies noch viel stärker. Insofern gebe ich Herrn Biedenkopf recht. Herr Rürup sollte mal in der Wirtschaft arbeiten, um etwas mehr über die Wirklichkeit zu erfahren.

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