Uneinigkeit über Ausmaß der Deflationsgefahr
Experten: Geldpolitik kann notfalls Deflation besiegen

Die immer neu geschürte Angst vor einer Deflation ist unbegründet: Wenn sie käme, ließe sie sich mit den Mitteln der Geldpolitik beheben. Das ist das Ergebnis einer Handelsblatt-Umfrage unter führenden Ökonomen.

FRANKFURT/M. „Man kann die Inflation jederzeit über die Geldmenge steuern“, sagt Roland Vaubel, Wirtschaftsprofessor an der Universität Mannheim. Auch sein Bonner Kollege, Manfred J. M. Neumann, erklärt, „dass durch eine Ausweitung der Geldmenge, zur Not weltweit, eine Deflation bekämpft werden kann“. Bei der Einschätzung, wie akut die Gefahr einer Deflation ist, scheiden sich derweil die Geister. Unter Deflation versteht man einen anhaltenden Rückgang des Preisniveaus; Investoren und Konsumenten stellen Ausgabenentscheidungen zurück, weil sie weiter sinkende Preise erwarten.

Zuletzt warnte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) vor der Möglichkeit einer weltweiten Deflation. Die Baseler „Bank der Notenbanken“ hat als Mitglieder 50 Zentralbanken. Davor hatte der Internationale Währungsfonds das Phänomen vorübergehend für den Euro-Raum heraufbeschworen. Vertreter der US-Notenbank Fed machen es seit Monaten zum Thema.

Die BIZ schließt nicht aus, dass weltweit der erwartete Aufschwung ausbleiben und eine Rezession drohen könnte. Von den aktuell niedrigen Inflationsraten sei es dann nicht mehr weit in eine Deflation. Die Baseler Experten halten es für wünschenswert, dass die Zentralbanken Deflationstendenzen schon im Vorfeld Rechnung tragen und gemeinsam mit den Fiskal- und Aufsichtsbehörden „bestehende Handlungsmöglichkeiten systematisch ausloten“. Bei der Bekämpfung einer bereits eingetretenen Deflation sollen Notenbanken und politische Entscheidungsträger zusammenarbeiten.

Vaubel sieht diese Warnungen kritisch: „Die Deflation ist eine keynesianische Obsession als Folge der Weltwirtschaftskrise.“ Man könne aber die Situation heute mit der von damals nicht vergleichen. Mit einer Wachstumsrate von voraussichtlich 2,5 % in diesem Jahr seien die USA „raus aus der Krise“. Von 1929 bis 1933 sei dort das Preisniveau um etwa ein Viertel und die Geldmenge um ein Drittel gefallen. Heute betrage der Preisrückgang selbst in Japan unter 0,5 %. Wenn Japan noch in der Deflation stecke, liege das vor allem an den Banken, wo die Liquidität stecken bleibe. Sie müssten stärker als bisher umgangen werden. Vaubel: „Die Deflationswarnungen sind ein Vorwand, um mit den Mitteln der Geld- und Fiskalpolitik die Massenarbeitslosigkeit zu bekämpfen, obwohl das nicht geht.“

Auch Neumann nimmt Anstoß an den Warnungen der BIZ: „Sie sollten jetzt eigentlich mal aufhören, die Öffentlichkeit mit Deflationsvisionen zu erschrecken und in Basel im kleinen Kreis diskutieren, was zu tun wäre, wenn es je zu einer weltweiten Deflation käme.“ Die von der BIZ empfohlene Kooperation findet er sinnvoll, aber unrealistisch: „Es ist eine Illusion zu glauben, man könne feste Verabredungen für den Eventualfall treffen. Politiker handeln erst, wenn es nicht mehr geht.“

Anders Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank: „Der Weckruf der BIZ war dringend nötig, weil die wichtigen Entscheidungsträger der Welt der Bedeutung der wirtschaftspolitischen Koordination schon länger nicht mehr haben erkennen lassen.“ Allerdings seien die Voraussetzungen zur Zusammenarbeit derzeit schlecht. Walter sieht Deflationsrisiken für den Euro-Raum: Der Euro-Kurs könnte weiter steigen; eine negative Lohndrift und die Aussetzung von Rentenerhöhungen könnten bei den Nominaleinkommen zu einer Abwärtsbewegung führen.

Der Volkswirt plädiert dafür, Deflationserwartungen gar nicht entstehen zu lassen. Die EZB sollte zügig mit den Zinsen in Richtung US-Niveau gehen. Zudem müsse jetzt schon auf Europa-Ebene geklärt werden, welche Länder noch finanzpolitischen Spielraum hätten. An der These, dass man eine Deflation mit Liquidität bekämpfen kann, hegt er zumindest leise Zweifel: „Man kann dies vermuten, es ist aber in jüngerer Zeit nicht in einem vergleichbaren Umfeld belegt.“

Wolfgang Filc, Wirtschaftprofessor in Trier, sieht den Euro-Raum in eine Phase dauerhafter Stagnation mit der Gefahr der Deflation abgleiten. Er hält die BIZ-Alternativen zur Ausweitung der Liquidität für nicht radikal genug, um eine Deflation wirksam zu bekämpfen. Sind die Notenbankzinsen bei Null, empfiehlt die BIZ primär den Ankauf von Vermögenswerten und längerfristigen Staatsanleihen durch die Zentralbank. Filc schlägt neue Maßnahmen vor: Damit die Banken Kredite vergeben, erhalten sie von der Notenbank bei der Übernahme von Zentralbankgeld eine Prämie, statt Zinsen zu zahlen. Außerdem könnte die Form der Versorgung mit Zentralbankgeld geändert werden. Sie sollte zinslos über den Staat und nicht über die Banken erfolgen.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%