„Verwerfungen“
Das Standardwerk zur Finanzkrise

Der US-Ökonom Raghuram Rajan liefert mit „Fault Lines“ eine brillante Ursachenanalyse der Verwerfungen durch die Finanzkrise. Seit zwei Jahren ist das Buch in Deutschland erhältlich - nun endlich auch auf Deutsch.
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BerlinMuss man ein Buch zu der sich immer schneller drehenden Finanz- und Schuldenkrise lesen, das schon seit zwei Jahren auf dem Markt ist und (erst!) jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist?

Man muss. Nicht nur, weil der amerikanische Ökonom Raghuram Rajan mit "Fault Lines - Verwerfungen" ein Standardwerk zur seit fünf Jahren laufenden Dauerkrise geschrieben hat. Hier werden keine Symptome beschrieben, sondern Rajan ist tief in den Maschinenraum der Weltwirtschaft hinabgestiegen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Herausgekommen ist er mit einer Ursachenanalyse, die auf den ersten Blick verblüfft: Nicht der Markt trägt nach Meinung des ehemaligen IWF-Chefökonomen die Hauptschuld an den Verwerfungen der Finanzwelt, sondern der Staat in Form einer falschen Politik.

Dass diese provozierende Botschaft durchaus keine Selbstverständlichkeit war und ist, lässt sich am besten mit einer kleinen Anekdote aus dem Wilden Westen Amerikas illustrieren. Wie jedes Jahr trafen sich 2005 in einer Luxushütte im Bergort Jackson Hole in Wyoming die führenden Notenbanker aus aller Welt. Damals, um den scheidenden US-Zentralbankchef Alan Greenspan zu ehren. Mitten hinein in die Feierstunde platzte Rajan mit einem Vortrag, in dem er der lockeren Geldpolitik Greenspans die Mitschuld an den Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten gab. "Ich fühlte mich wie ein früher Christ, der in eine Versammlung von halb verhungerten Löwen geraten war", erinnert sich der indischstämmige Volkswirt.

Heute wissen wir, dass Rajan mit seiner scharfen Analyse der amerikanischen Geldpolitik recht behalten hat. Und nicht nur damit. Lesenswert ist sein preisgekröntes Buch auch heute noch vor allem deshalb, weil es der den meisten westlichen Gesellschaften inhärenten Schuldendynamik auf die Spur kommt. So führt der heute in Chicago lehrende Ökonom die Kreditblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt darauf zurück, dass die Regierung in Washington den amerikanischen Traum auf Pump versprochen hat: Möglichst jeder sollte sein eigenes Dach über dem Kopf haben - diese Idee auf Kosten anderer hatte bereits Bill Clinton. Und auch sein Nachfolger im Weißen Haus, George W. Bush, ließ die halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae machen.

Alles Geschichte? Stimmt, aber eine, die man sich merken sollte. Denn die Politik der staatlichen Volksbeglückung auf Pump ist eine der Hauptursachen für die Schuldenberge, die sich heute in Europa und Amerika auftürmen. Ob in Athen, Berlin oder in Washington - überall haben Politiker mit ungedeckten Schecks Sozialversprechen abgegeben. Und sie tun es immer noch, wie man zum Beispiel am Betreuungsgeld in Deutschland sehen kann.

Die politischen Motive für die Schuldenpolitik liefert Rajan gleich mit. Es ist halt einfacher, soziale Schieflagen durch Versprechungen auf Pump auszugleichen, als eine Umverteilung mit Steuererhöhungen gegen harte Widerstände durchzuboxen. Rajan schwebt ohnehin eine langfristiger angelegte Bildungsoffensive vor, um den "American Dream" auch für die breiten Massen zu verwirklichen.

Die bleibende Botschaft seines Buches aber bleibt auch nach zwei Jahren noch brandaktuell: Wir sollten bei aller berechtigten Kritik am Versagen der Märkte während des Booms in den 90er-Jahren nicht den Fehler machen, ins andere Extrem zu verfallen und dem Staat blind zu vertrauen.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " „Verwerfungen“: Das Standardwerk zur Finanzkrise "

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  • Rajan hält nach Aussage des Artikels Bildung für besonders wichtig. Da sagt er was: das Problem ist, dass ein "Mehr" an Bildung (Quantität) nix bringt: das haben wir doch heute schon: allerlei sog. Qualifikationen, die neben BWL-Spruchwissen die Verwertbarkeit im existierenden System fördern. Es käme aber auf echte Bildung an: auf Verstehen von Zusammenhängen statt auf CPE, auf eine Art Bildung, die es ermöglicht, qualifiziert Fragen zu stellen, qualifiziert in politischen Ämtern zu agieren und last noch least qualifiziert eigene Lösungen entwickeln und "testen". Anfangen könnte man da bei der Presse, die so oft so unsauber kolportiert, dass es weh tut.

  • Lektüreempfehlung:
    "There are many things that the US needs to do to create sustainable growth, including improving the quality of its work force and infrastructure. Easier money is not one of them."
    Aus dem Aufsatz "Money Magic" im Blog Chicagobooth von Rajan.
    Das gilt mutatis mutandis natürlich ebenso für die Eurozone!

  • Realo, mein Professor für BWL hat schon vor Jahren erklärt, nicht alle was diese Heilsbringer aus den USA über/für Europa oder der Staden äußern, ist das Papier wert auf dem es steht.
    Danke

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