Zentralbanken
Rückkehr der Notenpresse

Weltweit suchen die Notenbanken nach rasch wirksamen Rezepten, um ihre Währungsräume heil durch die Krise zu bringen. Während die Bank of England (BoE) derzeit alle zur Verfügung stehenden Mittel aufbietet, die schwer angeschlagene Wirtschaft zu stabilisieren, verliert die Europäische Zentralbank (EZB) auch die möglicherweise gefährlichen Nebenwirkungen einer solchen Strategie nicht aus dem Blick.

FRANKFURT/LONDON. Am gestrigen Donnerstag betraten die britischen Notenbanker Neuland. Nachdem die BoE ihren Leitzins noch einmal um einen halben Prozentpunkt auf das Rekordtief von 0,5 Prozent senkte, ist ihr zinspolitischer Spielraum praktisch ausgereizt. Deshalb greifen die Zentralbanker jenseits des Kanals zu unkonventionellen Mitteln. Als letzte Waffe bringt die Bank of England die sogenannte quantitative Lockerung im Kampf gegen die Krise in Stellung. Faktisch geht es dabei um nichts anderes als das Anwerfen der Notenpresse. Die Zentralbank pumpt durch den Kauf von Anleihen frisches Geld in die Volkswirtschaft. Eine extreme Politik, welche die US-Notenbank im Prinzip schon jetzt verfolgt, die EZB aber so lange wie möglich verhindern will.

Während die Briten den Leitzins seit dem vergangenen Herbst im Rekordtempo von 5,5 Prozent nach unten geschleust haben, lässt sich die EZB mehr Zeit. Gestern senkten die Währungshüter ihren Leitsatz um einen halben Prozentpunkt auf 1,5 Prozent. Damit erhalten sich die Europäer den Spielraum für weitere Zinsschritte. EZB-Chef Jean-Claude Trichet formulierte das gestern so: „Wir haben uns nicht darauf festgelegt, dass dies der niedrigste Punkt ist. Ich bestätige aber, dass wir einige Nachteile bei einer Nullzinspolitik sehen.“

Michael Schubert von der Commerzbank sieht derzeit zwei unterschiedliche Konzepte beim Kampf gegen die Folgen der Finanzkrise. Auf der einen Seite die US-Notenbank Fed und die BoE, die unter allen Umständen eine lähmende Deflation verhindern wollen. Dagegen bedenke die EZB, dass eine solche Politik nicht kostenfrei zu haben sei. Hinter der Politik der EZB steht offenbar die Überlegung: Wenn wir zu sehr lockern oder unsere Lockerung nicht rechtzeitig zurücknehmen, laufen wir Gefahr, an den Märkten die nächste Blase zu erzeugen, wobei man im Moment nicht einmal sagen kann, welches Marktsegment betroffen sein würde.

Schon einmal hat sich die Vorsicht der EZB als richtig erwiesen. Im Jahr 2002 warnte der Internationale Währungsfonds (IWF) vor Deflationsgefahren. Die Fed senkte damals ihren Leitzins auf 1,25 Prozent, die EZB ging nicht unter zwei Prozent. „Wenn die EZB der Fed gefolgt wäre, wäre die Krise, die dann folgte, noch schärfer ausgefallen“, sagt Schubert. Der Fachmann erwartet auch diesmal nicht, dass die EZB dem Beispiel der Fed folgen wird. Die Commerzbank sieht auf längere Sicht nämlich keine Deflationsgefahren. Sein Institut geht davon aus, dass die Inflationsrate im Durchschnitt des kommenden Jahres bei 2,6 Prozent liegen wird. Die Stäbe der EZB rechnen mit einem Prozent.

In Großbritannien liegt die aktuelle Inflationsrate sogar bei drei Prozent und damit einen vollen Prozentpunkt über dem Ziel der Notenbank. Aber BoE-Gouverneur Mervyn King und seine Kollegen, fürchten trotzdem, dass die schlimmste Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg die Teuerung schon bald unter ihren Zielsatz drücken könnte. Ab Herbst 2009 könnte Großbritannien den Schätzungen der Notenbank sogar eine Deflation drohen. Der IWF geht davon aus, dass die Wirtschaftskrise die Insel so hart treffen wird wie kein anderes westliches Industrieland.

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