Zinsen
Monsieur Trichets Moral

Manche Wahrheiten sind zu moralzersetzend, um sie zu akzeptieren. Dazu gehört, dass der Euro-Raum bei der Konjunkturentwicklung nur ein Wurmfortsatz der USA ist - obwohl seine Wirtschaftsleistung mit jener der USA gleichauf liegt. Und dennoch ist es wahr: Die Unabhängigkeit von den USA ist nur Illusion.

FRANKFURT. Wie abhängig die Konjunktur im Euro-Raum von der US-amerikanischen Wirtschaft ist, zeigen die renommierten Wirtschaftsforscher Carlo Favero und Francesco Giavazzi in einer Studie, die im Mai in der Fachzeitschrift "American Economic Review" erscheint. Sie stellen darin fest: "Die Entwicklung der langfristigen Zinsen im Euro-Raum lässt sich fast vollständig mit Entwicklungen in den USA erklären." Die langfristigen Zinsen sind ein guter Indikator, weil sie die Erwartungen in die künftige Leitzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) widerspiegeln.

EZB-Präsident Jean Trichet-Claude sieht das anders. "Seit Ausbruch der Finanzkrise habe ich betont, dass wir in unterschiedlichen Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Strukturen leben", sagte er. Damit begründet er, warum die EZB im Gegensatz zur US-Notenbank ihren Leitzins nicht gesenkt hat.

Das hat Tradition. Als 2001 die US-Notenbank wegen der geplatzten New-Economy-Blase drastische Zinssenkungen beschlossen hatte, sagte Trichets Vorgänger Willem Duisenberg: "Ich möchte betonen, dass der Einfluss von Entwicklungen außerhalb des Euro-Raums auf unsere Wirtschaft sehr begrenzt ist." Es folgten mehrere Jahre schwachen Wachstums. Und die EZB war gezwungen, dem Vorbild der US-Notenbank zu folgen.

Konfrontiert mit dieser Episode, reagiert Trichet mit höflicher Verachtung. "Ich würde mich nicht auf solche naiven Vergleiche verlassen", kontert er. "Wir haben verantwortungsvolle Zentralbanken auf beiden Seiten des Atlantiks, aber wir haben sehr verschiedene Volkswirtschaften", sagt er. Trichet zufolge ist "Großbritannien wichtiger für den Euro-Raum als die USA".

Doch dem widersprechen nicht nur Favero und Giavazzi. Jacques Cailloux, Europa-Chefvolkswirt der Royal Bank of Scotland, hat untersucht, welche Wirtschaftsindikatoren den größten Einfluss auf die langfristigen Zinsen im Euro-Raum haben. Auf den ersten sieben Plätzen liegen sechs Indikatoren zur US-Wirtschaft. Den alten Spruch "Wenn die USA niesen, bekommt der Euro-Raum einen Schnupfen" wandelte Cailloux ab und titelte: "Wenn die USA niesen, schaut die EZB weg."

Inzwischen dämmert auch Trichet, dass die Konjunktur im Euro-Raum so unabhängig von den USA nicht ist. Das räumte er jüngst ein, fügte aber hinzu, die Abhängigkeit beruhe auf Gegenseitigkeit. Auch Europas Konjunkturentwicklung beeinflusse die Wirtschaft der USA.

Doch leider stimmt nicht einmal das. Favero und Giavazzi haben in der Gegenrichtung keinen Einfluss festgestellt.

Norbert Häring berichtet für das Handelsblatt über Wirtschaftswissenschaften. Quelle: Pablo Castagnola
Norbert Häring
Handelsblatt / Ökonomie-Korrespondent
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