„Zwischenbilanz“ der EM
Die Macher der EM und ihr ukrainisches Märchen

Sportlich ist die Ukraine blendend in die EM gestartet. Darüber werden auch Krawalle, Boykotte und Rassismus ignoriert. Die Organisatoren kritisieren lieber die westlichen Medien – und verteilen jede Menge Eigenlob.
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KiewEinen Tag nach dem 2:1-Auftaktsieg der Ukraine zogen die Macher der Europameisterschaft in Kiew eine erste, rosarot eingefärbte Zwischenbilanz. Wären nicht die Fragen gewesen, hätte die Pressekonferenz den Rednern noch mehr Freude bereitet. Drei mächtige Männer stiegen auf das Podium im Olympiastadion von Kiew: Vizeministerpräsident Boris Kolesnikow setzte sich neben den Fußballverbandschef Gregorij Surkis und Turnierdirektor Markiyan Lubkivskyi. „Es ist wie in einem Märchen hier in der Ukraine“, sagte Surkis – und meinte nicht nur den Sieg über Schweden, sondern die Turnierorganisation. „Viele haben gezweifelt, ob wir das schaffen. Nun kann man sehen, dass wir einen tollen Job gemacht haben“, nahm er das Urteil vorweg.

Damit war der Ball ins Spiel gebracht, der Rest war – in der Fußballersprache – eine Abwehrschlacht. Schnell wurde offenbar, wie sehr die Organisatoren gekränkt waren über die negative Berichterstattung – als Folge von gierigen Hotelbesitzern, Korruption beim Aufbau der Infrastruktur und rechtsstaatlicher Zweifel. Gerade die als Einmischung empfundene Berichterstattung aus Deutschland war ein Stachel: „Ich will Ihnen ein paar Zahlen nennen, und ich will, dass auch die deutschen Journalisten zuhören“, begann Infrastrukturminister Kolesnikow im Schelteton.

Fünf Milliarden Dollar habe der Staat in das Turnier investiert, in die Sportstätten 800 Millionen Euro, 40.000 Leute hätten beim Aufbau geholfen, 50.000 Autos zusätzlich rollten täglich über die Grenzen – alles wegen der Europameisterschaft. Eine Frage nach dem Fernbleiben des schwedischen Premierministers beantwortete Kolesnikow knapp: „Das Turnier ist organisiert für Fans, nicht für Politiker.“

Surkis und Kolesnikow, die politisch als Widersacher gelten, hatten einen gemeinsamen Nenner: Die Vorbereitungen seien nicht optimal gelaufen und hätten mit zu großer Verspätung begonnen. Nun aber sei alles prima, und das solle der Rest der Welt bitte auch so hinnehmen. „Wir haben so viel gemacht, wie uns möglich war, um das Turnier nicht zu verlieren“, sagte Kolesnikow. Und Surkis ergänzte: „Den Russen kann ich für ihre WM 2018 nur raten: Verliert keinen einzigen Tag! Fangt sofort an. Wir hätten in den ersten drei Jahren, nachdem wir den Zuschlag hatten, viel mehr machen können. Aber die Regierung war nicht stabil.“

Die Frage nach den turnierbegleitenden Protesten zugunsten der inhaftierten Oppositionellen Julia Timoschenko beantwortete der Vize-Regierungschef mit einer Spur Sarkasmus: „Jeder kann protestieren, es ist ein freies Land. Ich glaube aber nicht, dass wir hier Aktivitäten früherer Regierungsmitglieder kommentieren sollten.“ Schnell machte auch Fußballverbandschef Surkis seine Position klar: Politik und Sport haben nur immer dann etwas miteinander zu tun, solange der Kick dazu dient, die Massen zufrieden zu stellen. „Die Mission des Fußballs ist es, die Menschen zu vereinen.“ Man solle das Thema Timoschenko ausklammern und sich auf die Spiele konzentrieren, sagte Surkis.

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