Anstoß - die WM-Kolumne
Mit Bleigewichten aufs dünne Eis

Nein, Annike Krahn wird niemals „Man oft he Match“ werden. Viele Pressevertreter tun sich bei der Frauen-WM schwer, den Herrenfußball aus dem Spiel zu lassen. Wer es dennoch tut, den trifft der Zorn der Bibiana Steinhaus.
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Für die Journalisten bei dieser Frauen-WM gibt es einiges zu beachten. Die Fifa-Akkreditierung sollte zum Beispiel immer gut sichtbar um den Hals hängen, sonst wird man schlichtweg ignoriert. Wenn man bei Pressekonferenzen eine Frage stellen möchte, sollte man sich erst einmal höflich vorstellen und sagen, für wen man arbeitet. Wenn man im Frankfurter Pressezelt arbeiten möchte, sollte man sich bei gefühlten fünf Grad Raumtemperatur Schal, Mütze und den Wintermantel mitbringen.

Das alles sind aber Kleinigkeiten im Vergleich zur wichtigsten aller Regeln: Ziehe niemals, wirklich niemals, Vergleiche zum Männerfußball! Nicht in Interviews, nicht in Pressekonferenzen, am besten nicht einmal im Gedanken. „Hätte Maik Franz diesen Konter zugelassen?“ – verboten! „Hätte Babak Rafati diesen Elfmeter gepfiffen?“ – verboten! „Hätte Joachim Löw Birgit Prinz auch ausgewechselt?“ – doppelt verboten.

Falls sich dann doch ein ahnungsloser Kollege mit extra Bleigewichten auf dieses millimeterdicke Eis bewegt, sind die Reaktionen fatal. Bibiana Steinhaus beispielsweise, als deutsche Schiedsrichtervertreterin bei der WM und sonst in der 2. Männer-Bundesliga aktiv, reagiert auf die harmlose Frage, ob es denn da einen Unterschied in der Spielführung gäbe, sofort. Die Augen werden zu kleinen Schlitzen, der Blick daraus eiskalt. „Wollen Sie dieses Fass wirklich aufmachen?“, zischt die Polizistin aus Hannover kurz als ob der Kollege gleichzeitig eine Notbremse und Fahrerflucht begangen hätte. Thema beendet.

Den Vogel in Sachen „Gender Bending“ schoss aber ein deutscher Journalist nach dem Spiel der DFB-Frauen gegen Nigeria ab. In der Mixed Zone präsentierte sich Annike Krahn, wenige Minuten zuvor von der Fifa zur Spielerin des Spiels gewählt. Nachdem die ersten beiden Grüppchen abgearbeitet wurden, platzierte DFB-Pressesprecher Niels Barnhofer die Abwehrspielerin vor der nächsten Runde. Erste Frage: „Annike, bist du vorher schon einmal zum ‚Man oft he Match‘ gewählt worden?“ Kurze Fassungslosigkeit unter Kollegen und Spielerin und dann der konsequente Konter: „Ich glaube, zum ‚Man of the Match‘ werde ich wohl nie gewählt werden.“ Offenbar gibt es auch für Spielerinnen einiges zu beachten.

Patrick Kleinmann
Patrick Kleinmann
Handelsblatt Online / Freier Journalist

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