Anstoß – Die Bundesliga-Kolumne
Tiki Taka im Ruhrgebiet?

Supercup, Audicup, Asienreise und Trainingslager sind vorbei. Endlich! Die neue Bundesliga-Saison 2015/2016 kann beginnen. Besonders ein Verein aus dem Kohlenpott freut sich über den Neuanfang – mitsamt neuem Coach.
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EssenIn der Vorbereitung zur neuen Saison passierte etwas, was viele Experten nicht mehr für möglich gehalten hatten: Der Unaussprechliche erzielte einen Hattrick. Henrikh Mkhitaryan, eigentlich als verzweifelter Daneben-Schießer im kollektiven Fußballgedächtnis eingebrannt, bewies, dass er nicht nur daneben schießt. Dumm nur, dass es (noch) kein Bundesligaspiel der Borussia aus Dortmund war.

Dennoch steht die Wandlung des armenischen Mittelfeldakteurs exemplarisch für die Aufbruchstimmung in Dortmund. Im Jahre null nach der Motivationsmaschine Kloppo ist für den Klub aus dem Ruhrgebiet vieles neu. Die „echte Liebe“, das Klubmotto, hat nach Jürgen Klopp zwar etwas  an Glanz verloren. Indes, und das ist viel wichtiger, stimmen die Ergebnisse wieder.

Der Grund: Der nüchterne Taktikfuchs Thomas Tuchel steht, oder besser wirbelt, an der Borussia-Seitenlinie und versucht seine neuen Schützlinge auf Linie zu bringen. Nach einem Jahr Sabbatical ist der Mann aus Mainz zwar etwas schmaler geworden. Seiner Trainingslust hat das wenig geschadet. Der akribische Tuchel ist immer als erster auf dem Trainingsplatz und lässt die Borussia-Profis zu Extraschichten antreten.

Der neue Chefcoach will einen neuen Stil etablieren. Mit weniger als einer Zeitenwende gibt sich Tuchel nicht zufrieden. Dass das in Dortmund mehr als notwendig ist, zeigte die vergangene Saison. Das Kloppsche Umschaltspiel hatte sich abgewetzt. Auf einen Schlag wurde das gesamte System in Zweifel gezogen. Kein Wunder: Zwischenzeitlich landete der BVB auf dem letzten Tabellenplatz.

Anspruch und Realität klafften im vergangenen Sommer weiter auseinander als die legendäre Oberschenkel-Schnittwunde von Ewald Lienen. Mindestens genauso viele Schmerzen wie Lienen damals im August 1981 erlitten hatte, verspürten die Dortmunder Fans angesichts der überraschenden Misere.

Die Dortmunder Überfälle, für die Borussias junge Mannschaft selbst in England als „heißester Klub des internationalen Fußballs“ gefeiert wurde, missglückten immer häufiger.

Tuchel will nicht kontern. Das überfallartige Umschaltspiel entsprach nie seiner Idealvorstellung vom Fußball. Stattdessen soll der BVB mit insgesamt mehr Ballbesitz und geringeren Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler den Gegner in die Knie zwingen. Dominanz durch Passstafetten – das klingt nach dem FC Barcelona unter Pep Guardiola und verleitete Experten bereits dazu, vom „Tiki Taka im Ruhrgebiet“ zu träumen.

Doch sieben Jahre unter Klopp haben Spuren hinterlassen. Klar, dass Tuchel unter genauer Beobachtung steht. Das Dortmunder Fachpublikum fremdelt noch ein wenig mit ihm. Der nüchterne Neue ist eben kein Charakterkopf wie sein Vorgänger. Sie werden ihm im Westfalenstadion aber eine Chance geben.

Tuchel, der in Mainz oft sehr dünnhäutig auf Kritik reagierte, tut dennoch gut daran, die Nebengeräusche für eine Weile auf lautlos zuschalten. Besser noch: Mit Erfolgen einfach alle Kritiker verstummen lassen. Das gelingt allerdings nur, wenn Henrykh Mkhitaryan seine neugewonnene Treffsicherheit auch in der Bundesliga unter Beweis stellt. Am Samstag wird er die Chance dazu bekommen. Hach, endlich wieder Bundesliga!

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