Anstoß - die Fußball-Kolumne
Kein Verein ist so wahnsinnig wie der HSV

Glück gehabt, HSV! Statt des unrasierten Mainzer Experimentaltrainers Tuchel darf sich Bruno Labbadia am Neuaufbau versuchen. Was Fußball-Deutschland den Kopf schütteln lässt, könnte eine Finte gewesen sein. Oder Satire.
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Fußball-Deutschland lacht. Über den Hamburger SV. Während Fans des Dinosauriers immer trauriger werden, amüsiert sich die Sportwelt auf Kosten der Titanic auf Raten. Bisher noch nie aus der 1. Bundesliga abgestiegen, haben sich die Hanseaten am vergangenen Spieltag durch eine beeindruckend miserable Leistung die Rote Laterne gesichert. Tabellenletzter, Abstiegskandidat Nummer eins.

Das könnte tragisch sein. Schließlich droht der Verlust des traditionsreichsten Vereins im deutschen Fußball. Er war ja mal wer, der stolze HSV. Nun haben aber nicht unvorhersehbare Unglücksfälle den Dino an den Rand des Aussterbens geführt, sondern ein Sammelsurium aus Eitelkeiten, sportlicher Offenbarungseide, Skandale und eine beispiellos konstante Inkonstanz in der Personalpolitik.

Als am Mittwoch bekannt wurde, dass Ex-Trainer Bruno Labbadia spontan das Ruder im Abstiegskampf übernimmt, klappte selbst den hartgesottensten Sportjournalisten die Kinnlade runter. Labbadia ist Trainer Nummer vier in Hamburg in dieser Saison, nach Mirko Slomka, Joe Zinnbauer und dem hauptamtlichen Sportdirektor Peter Knäbel. „Der Verein ist Wahnsinn. Kein Verein ist so wahnsinnig wie der HSV“, hieß es privat von einem geschätzten Kollegen, der lieber anonym bleiben möchte. In Anlehnung an Asterix & Obelix: Der HSV, der Passierschein A38 unter den Fußballvereinen.

Man muss sich die Personalie Labbadia einmal genau vor Augen halten. Der „schöne Bruno“ wurde 2009 für eine Million-Ablöse vom damaligen Sportchef Dietmar Beiersdorfer aus Leverkusen losgeeist (wo man ihn deswegen nicht mehr feuern musste), dann im Frühjahr 2010 nach Zerwürfnissen mit Klub-Boss Bernd Hoffmann, der Mannschaft sowie der Tabelle beurlaubt.

Wohlgemerkt, nach dem Hinspiel des Europa-League-Halbfinals (0:0 gegen Fulham). Das Rückspiel ging unter Interimstrainer Ricardo Moniz in England verloren, das Finale in Hamburg(!) wurde verpasst. Beiersdorfer wiederum hatte sich da schon längst mit Hoffmann zerstritten und den Verein verlassen. Es war die Stunde Null der bis heute andauernden Identitätskrise des HSV, der seither erfolglos an einem zweiten Standbein als Daily Soap arbeitet.

Nun ist Labbadia nicht mehr derselbe Bruno wie vor fünf Jahren. In drei Jahren in Stuttgart schaffte er es bis ins DFB-Pokalfinale (zum zweiten Mal als Trainer), nutzte die anschließende vertragslose Zeit, um sich bei verschiedenen Trainern und Vereinen im In- und Ausland neue Arbeitsmethoden anzueignen.

Inzwischen ist auch sein Intimus Beiersdorfer wieder da, nunmehr als Vorstandsvorsitzender. Jener Beiersdorfer, der seinerzeit Jürgen Klopp ablehnte, weil ein Scout ihm geflüstert haben soll, der heutige Meistertrainer sei unrasiert und habe Löcher in den Jeans. Jetzt hat er Labbadia für den Neuaufbau mit einem für HSV-Verhältnisse üppigen Vertrag über 15 Monate ausgestattet – ein klares Zeichen für die Zukunft.

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