Anstoß – die Fußballkolumne
Und es war doch Elfmeter!

Schon wieder lag ein Schiedsrichter bei einer Elfmeterentscheidung daneben – dieses Mal im Ruhrpott-Derby. Nicht nur Frankfurts Heribert Bruchhagen hat die „Nase voll“. Die Unparteiischen brauchen dringend Hilfe.
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DüsseldorfWas ist eigentlich mit den Schiedsrichtern los? Derzeit geht kein Bundesliga-Spieltag vorbei, an dem nicht mindestens ein Spielausgang durch eine krasse Fehlentscheidung beeinflusst wird. An diesem Wochenende war es ausgerechnet das Derby zwischen Schalke und den BVB, das so um seinen gerechten Ausgang gebracht wurde.

Es lief die 67. Minute, als Dortmunds Adrian Ramos auf Joel Matip zustürmte. Am linken Strafraumeck brachte der Verteidiger den Stürmer zu Fall – und reklamierte wild auf Schwalbe. Statt den fälligen Elfmeter zu geben, entschied Schiedsrichter Peter Gagelmann auf Abstoß. Eine Entscheidung, die sich beim Blick auf die Fernsehbilder als falsch herausstellte. Denn es gab definitiv einen Kontakt zwischen den Spielern, der Ramos zu Boden stürzen ließ. Die einzig strittige Frage wäre in dieser Situation gewesen, ob das Foul innerhalb oder außerhalb des Strafraums stattfand. Es war innerhalb. Am Ende gewann Schalke das Derby, der BVB fuhr als Verlierer zurück nach Dortmund. Für Jens Keller war es „absolut kein Elfmeter“, für Jürgen Klopp war es „ganz klar einer“. Bei solch strittigen Szenen bedarf es einer angemessenen Bewertung durch den Unparteiischen.

Insgesamt ist es eine eher bescheidene Saison für die Bundesliga-Schiedsrichter – fragen Sie mal in Frankfurt nach. Der Eintracht wurden in bisher fünf Spielen bereits zwei klare Elfmeter verweigert. Wäre bei diesen Strafstößen jeweils ein Tor herausgesprungen, hätten die Hessen drei Punkte mehr auf dem Konto, so stehen sie bisher bei sechs. Nachvollziehbar, dass Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen zuletzt der Kragen platzte, als er im „Doppelpass“ auf Sport1 sagte: „Wir haben die Nase voll von den gravierenden Entscheidungen. Wir sind total unzufrieden mit den Schiedsrichter-Leistungen.“ Gefühlt kann man sich immer über mindestens eine kritische Schiri-Entscheidung aufregen, praktisch ist den Referees in dieser Bundesliga-Saison tatsächlich der ein oder andere Fehler zu viel unterlaufen.

Doch das alles müsste gar nicht sein. Denn nicht nur die Frage, ob ein Ball hinter der Linie war, kann dank technischer Hilfsmittel beantwortet werden. Auch strittige Strafraumsituationen könnten durch den Videobeweis eindeutig geklärt werden. Darüber wird momentan aber nicht einmal diskutiert. Stattdessen kämpfen DFB und DFL verzweifelt um die Einführung des Freistoßsprays – eine makabre Posse. Jahrelang war das Totschlagargument der Funktionäre gegen technische Hilfsmittel, dass dadurch Spiele verzögert würden. Stoppen Sie am nächsten Champions-League-Spieltag mal mit, wie viele Sekunden durch die Markierung des Abstands von 9,15 m zur Mauer draufgehen. Wohlgemerkt bei jedem Freistoß. Das läppert sich.

Auch das Argument, dass die teure Technik im Oberhaus nicht eingesetzt wird, weil sie für untere Ligen zu kostenintensiv ist, zieht nicht mehr. Die Spielerei mit dem Freistoßspray ist alles andere als billig. Denn das muss aktuell aus Mangel an Alternativen aus Argentinien importiert werden. Zum Glück gibt es den TÜV Rheinland: Der hat den Schaumstoffschaum in Deutschland erst einmal verboten – unter anderem aufgrund einer zu hohen Treibhausgas-Konzentration. Die liegt mit 33 Prozent deutlich höher als es bei nicht gekennzeichneten Dosen erlaubt ist.

Sollte nach diesem Spieltag wieder eine Diskussion um den Videobeweis losbrechen – sie wird nicht lange halten. Man kann sich also noch viele Jahre Woche für Woche über die Schiedsrichter aufregen, die am Ende leider nur die ärmste Sau auf dem Platz sind.

Der einzige positive Aspekt der Technikverweigerung: Irgendwie ist es doch ganz schön, sich immer mal wieder über strittige Situationen aufregen und ganze Kneipen-Abende mit der eben geführten Diskussion verbringen zu können. Zusätzlich sollte man nie die Hand beißen, die einen füttert – die Fehlentscheidungen sind immer auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme: Sky-Experte Markus Merk hätte deutlich mehr freie Wochenenden, und Artikel wie diesen würde es auch nicht mehr geben.

Marcel Reich
Marcel Reich
Handelsblatt / Freier Mitarbeiter

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