Chefscout Andrea Carnevale
„Einen Schwachpunkt gibt es nicht“

Aus der Not machte Udinese Calcio eine Tugend: Klub-Manager Andrea Carnevale spricht über das ungewöhnliche Scout-System, den Spagat zwischen schnellen Toren und Nachhaltigkeit und fehlenden Mut im italienischen Fußball.
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UdineHandelsblatt Online: Signore Carnevale, wie ist die Idee entstanden, ein Scout-System wie das von Udinese zu erschaffen?
Andrea Carnevale: Das war eine Idee des Vereins, um ein Projekt zu entwickeln, mit dem wir die Mannschaft in der Serie A wachsen lassen und konsolidieren können, indem wir junge Versprechen und potentielle Talente vorausentwickeln. Klubs wie Udinese haben nicht die Möglichkeit, auf dem Markt mit den großen Mannschaften zu konkurrieren, die viel stolzere Bilanzen haben und die Fußballspieler nehmen können, für die sie hohe Summen ausgeben. Die einzige Möglichkeit für uns, Spieler mit großartigem Talent in der Mannschaft zu haben, ist, wenn im Vorfeld unsere Beobachter spielen.

Wie würden Sie folgenden Satz beenden: Ziel unseres Scoutings ist...
...schneller als andere junge Spieler mit großem Potential zu erkennen. Diese Spielen haben dann dank Trainerstab und Strukturen, die wir ihnen zur Verfügung stellen, die Möglichkeit, ihr Talent zu stärken und zu entfalten.

Welche sind die größte Stärke und die größte Schwäche Ihres Systems?
Die Stärke zeigt sich in den Resultaten, die wir in den vergangenen Jahren erreicht haben. Unsere Mannschaft spielt seit 18 Jahren ununterbrochen in der Serie A und in den letzten drei Jahren haben wir uns für die europäischen Pokale qualifiziert, was uns auf dem internationalen Spielfeld bekannt gemacht hat. Alles das war möglich, weil wir dem Grundgerüst der Mannschaft Fußballer hinzugefügt haben, die sich als sehr stark herauskristallisiert haben, wie Sanchez (Alexis Sanchez, Anm.d.Red.). Um nur eines der eklatantesten Beispiele zu nennen.

...und die größte Schwäche?
Einen Schwachpunkt gibt es meiner Meinung nach nicht. Das ist eine Art und Weise den Fußball zu verstehen, der uns nur positive Ergebnisse gebracht hat.

Wie überwindet man den Spagat zwischen einer langfristigen Politik und einem Fußball, der kurzfristige Antworten fordert?
Wir versuchen, dieses Problem durch Vorausdenken zu lösen, bei allen Handlungen, die wir machen. Wir versuchen immer, neue Fußballer im richtigen Moment auf das Spielfeld zu bringen, wenn sie bereit sind, das Erbe von jemandem anzutreten, der zwischenzeitlich zu einer anderen Mannschaft gewechselt hat. So garantieren wir den Austausch ohne „Traumata“ für die Mannschaft.

Wer entscheidet und nach welchen Kriterien, ob ein Spieler zu Udinese, Watford oder Granada geht?
Der Verein entscheidet das. Er nimmt eine technische Bewertung vor, und je nach momentanen Bedürfnissen der einzelnen Klubs ermittelt er die Fußballer mit den Charakteristiken, die am besten dazu passen.

Giuseppe Sannino trainiert seit zwei Monaten den FC Watford, aber er spricht noch kein Englisch. Wie gehen Sie mit dieser schwierigen Situation um?
Sannino wird von Mitgliedern des Personals unterstützt. Er spricht die Sprache ein bisschen und lernt jetzt, damit er unabhängig ist. Es gibt in diesem Sinne keine Schwierigkeiten.

In Italien erschwert der massive Druck zum Resultat den Einsatz junger Spieler. Trotzdem versuchen es einige Mannschaften. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Serie A in dieser Beziehung entwickeln?
Leider denke ich nicht, dass unser Fußball kurzfristig den Mut zu einer Politik der Jungspieler finden wird. Im Ausland ist das sehr viel leichter, dort gibt es weniger Druck. Aber mir liegt daran zu sagen, dass wenn ein junger Spieler gut ist, dann gelingt es ihm auch in Italien, nach oben zu kommen, auch wenn oft mit etwas Verspätung.

Der ehemalige italienische Fußballspieler Andrea Carnevale ist Manager bei Udinese Calcio, wo er selbst auch in seiner aktiven Zeit als Stürmer verpflichtet war. Der 52-Jährige ist ständig auf der Suche nach jungen Talenten. Neben Udine stürmte er auch für den SSC Neapel und den AS Rom.

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