Die Abwehr der deutschen Nationalmannschaft will gegen Russland zeigen, dass sie auch ohne Wörns gut steht
Die Leistung zählt – nicht das Alter

Wenn die deutsche Nationalmannschaft heute Abend gegen Russland aufläuft, dann wird ein 20-jähriger Per Mertesacker, der gerade seinen Zivilidienst hinter sich hat, unter besonderer Beobachtung stehen. Er ist nämlich plötzlich Abwehrchef geworden.

DÜSSELDORF. "Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich", sagt Mertesacker über seine Ersatzdienstzeit. Seit Samstag 19.45 Uhr Belfaster Zeit - Robert Huth hatte gegen Nordirland gerade die Rote Karte gesehen - macht er eine andere wichtige Erfahrung: Er ist plötzlich Abwehrchef - nach sechs Länderspielen.

Seine Kollegen hinten in der Abwehr haben kaum mehr internationale Erfahrung: Der 23-jährige Thomas Hitzlsperger hat eine Hand voll Deutschland-Einsätze auf dem Buckel und spielt zudem lieber im Mittelfeld statt auf der linken Abwehrseite. Patrick Owomoyela, 25 Jahre alt und auch eher offensiv als defensiv ausgerichtet, kommt auf sechs Einsätze. Der 20-jährige Innenverteidiger Robert Huth lief ebenfalls sechs Mal für Deutschland auf. Da gilt der gelernte Verteidiger Arne Friedrich mit seinen 26 Jahren und 26 Länderspielen schon als alter Hase. Aber auch er spielt unter Bundestrainer Jürgen Klinsmann als Innnenverteidiger auf einer ungewohnten Position. "Es ist schon so, dass ich mich auf der rechten Außenbahn wohler fühle", sagt Friedrich, der dort die ganze Saison bei Hertha BSC gespielt hat.

Eine junge, unerfahrene Abwehr, wie sie Deutschland noch nie gesehen hat. Und als die "jungen Wilden", wie sie vor Monaten noch genannt wurden, gegen Nordirland wackelten, brach es über sie herein: Die selten zufriedene deutsche Öffentlichkeit hat Angst vor einem Abwehrproblem. Kann das gut gehen mit den unerfahrenen Spielern, fragen sich viele?

Man könnte meinen, die jungen Spieler würde der Druck und die öffentliche Kritik nervös machen. Doch weit gefehlt. Selbstbewusst, bester Stimmung und voller Zuversicht treten sie in diesen Tagen auf. Robert Huth etwa, der wegen seiner Roten Karte gegen Russland gesperrt ist, bringt die Diskussion nicht aus der Ruhe: "Solange man seine Leistung bringt, spielt es keine Rolle, wie alt man ist." Vor ein paar Jahren, sagt Thomas Hitzlsperger, habe jeder nach jungen Spielern geschrieen. "Jetzt hat man die und plötzlich beschweren sich alle, dass es keinen erfahrenen Spieler mehr gibt. Letztlich geht es um Qualität und nicht um Alter." Sie würden sich zwar mehr Geduld von der Öffentlichkeit wünschen, sich aber von der Kritik nicht ablenken lassen, sagt Hitzlsperger. Sie könnten schließlich nichts dafür, dass der Trainer Christian Wörns zu Hause gelassen hat und es nun keinen Leitwolf in der Abwehr gibt, geben die Spieler an.

Die "jungen Wilden" wollen gegen Russland nun ihre Chance nutzen. "Wir wollen zeigen, dass wir auch mit einer jungen Abwehr stand halten können", sagt Mertesacker. Friedrich, der gegen Russland für Huth ins Team rückt, freut sich richtig auf das Spiel: "Ich sehe es eigentlich positiv, dass Christian Wörns nicht dabei ist. Wir haben dadurch die Möglichkeit, uns zu empfehlen" sagt der Berliner und ergänzt: "Ich glaube an mich und meine Stärken." Doch von den Stärken war bei seinen Kollegen im Spiel gegen Nordirland nicht viel zu sehen. Einzig Mertesacker machte eine passable Figur in der Abwehr. Kein Beinbruch, findet die Mannschaft. "Gebt uns jungen Spielern doch mal eine Chance. Wenn wir wirklich mal drei, vier Partien Zeit gehabt haben, uns einzuspielen, dann kann jeder von uns mit der Kritik leben, wenn es immer noch nicht läuft", sagt Huth.

Genau das ist das Problem. Man kann den jungen Spielern nicht wirklich unterstellen, sie seien zu schlecht. Dafür sind die Erinnerungen an grandiose Spiele etwa von Huth - Berlin Wall nennen sie ihn in England - etwa gegen Argentinien noch zu frisch. Doch in der Formation, in der sie heute Abend und im Confederations Cup spielen, sind Friedrich, Mertesacker und Co noch nie aufgelaufen. Sie brauchen einfach Zeit, um sich aufeinander einzustellen. Und sie sprechen auch ganz offen die Probleme an. "Klinsmann hat mir nochmal mit auf den Weg gegeben, dass es wichtig ist in der Viererkette die Abstände zu den Mitspielern richtig einzuhalten", sagt Hitzlsperger. "Wir müssen lauter werden", sagt Mertesacker.

Der Hannoveraner ist eigentlich einer von den leisen, den bodenständigen Spielern. Man nimmt es ihm ab, wenn er sagt, die Arbeit mit behinderten Menschen habe ihm viel gegeben: "Im Zivildienst habe ich gesehen, dass es auch andere Menschen gibt, die auf Dich angewiesen sind, denen Du helfen musst." Nun ist es an der Reihe, Mertesacker und seinen Abwehrkollegen zu helfen. Mit der nötigen Unterstützung können die jungen Fußballer vielleicht schon heute Abend über sich hinauswachsen. Und die Spieler müssen zeigen, dass sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht werden.

Grischa Brower-Rabinowitsch
Grischa Brower-Rabinowitsch
Handelsblatt / Ressortleiter Unternehmen & Märkte
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