Die Globalisierung des Sports
Im Mittelfeld

Der deutsche Fußball hat mit der Globalisierung des Sports nicht Schritt halten können - dabei erging es ihm nicht besser als dem Wirtschaftsstandort Deutschland.
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Um zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält, tummeln wir Deutsche uns gern auf dem weiten Feld der Fußballtheorie. Seit mehr als fünf Jahrzehnten üben wir den mentalen Doppelpass zwischen dem Fußball und der Gesellschaft, genauer gesagt: seit dem 4. Juli 1954, dem gefühlten Gründungsdatum der Bundesrepublik. Erst gaben wir uns der Begeisterung über das "Wunder von Bern" hin; bald schon ahnten wir die Entlastung des 3:2-Siegs über Ungarn für unsere kriegsbeschwerte Kollektivseele; schließlich verheiligten wir die "Tor-Tor-Tor-für-Deutschland"-Reportage von Herbert Zimmermann als auditives Andachtsbild in unserem kulturellen Nationalgedächtnis - und endlich badeten wir in der nostalgischen Milde einer Verfilmung, die uns mit Stolz erfüllte und nicht mehr im entferntesten an die düstere Zeit davor erinnerte. Wer also wollte bezweifeln, dass Fritz Walter, Helmut Rahn, Sepp Herberger weit über ihre Lebenszeit hinaus eine gesellschaftsdeutende Funktion erfüllten?

Das wäre kein Problem, wenn die Grenzen unseres Blickes auf den Fußball nicht auch die Grenzen unseres Blickes auf die Welt wären. Dieser Blick ist soziohistorisch, nicht liberalökonomisch, das heißt rückwärts gewandt und selbstbezogen statt zukunftsoffen und lernbereit: Wir lustwandeln im Museum unserer Siege (1954, 1974, 1990) und bewundern uns als untergegangene Hochkultur des Fußballs. Das Ergebnis dieser Nabelschau: Die Welt hat sich weiter gedreht - und wir sind auf der Strecke geblieben. Wenn uns der Fußball also heute über eines aufklärt, dann über die Grundzüge einer globalisierten, beschleunigten Wirtschaft - und über die deutschen Versäumnisse, darauf angemessen zu reagieren.



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Deutschlands Fußball hat in den vergangenen Jahren rapide an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. In der Fifa-Weltrangliste ist der Deutsche Fußball Bund (DFB) auf den 19. Platz abgerutscht und damit hinter die aufstrebende Konkurrenz aus Mexiko, Kamerun, Nigeria und Ägypten zurückgefallen. Offensichtlich sind die kleinen Verbände aus wachstumsstarken Schwellenländern agiler, schneller, hungriger als Deutschlands korporatistisch geführter Fußballkonzern, der zwar 6,3 Millionen Mitglieder zählt und 31 000 Menschen beschäftigt, dessen Größe und Kapitalkraft jedoch in einem zunehmend krassen Missverhältnis zur Qualität seines Premiumprodukts "Nationalmannschaft" steht.

Italien, Spanien, England und Frankreich dagegen haben die globale Herausforderung angenommen und sich zu den weltweit attraktivsten Produktionsstandorten des modernen Fußballs gemausert. Deutschland scheint diesen Kampf um die besten Köpfe bereits verloren zu haben; tatsächlich erreicht der Brain drain ausgerechnet im WM-Jahr seinen vorläufigen Höhepunkt: Mit Michael Ballack, Zé Roberto (Bayern München), Jan Koller, Tomas Rosicky (Borussia Dortmund) und Dimitar Berbatov (Bayer Leverkusen) verlassen fünf charismatische Führungskräfte das Land.

Sie folgen nicht nur dem Lockruf des Geldes, sondern vor allem der Aussicht auf ein Arbeitsumfeld, das ihrer Qualifikation angemessen ist. Der Weißrusse Alexander Hleb, der vor einem Jahr vom VfB Stuttgart zu Arsenal London wechselte, hat den Reiz dieses neuen, anspruchsvollen Arbeitsumfeldes trefflich beschrieben: "In der Bundesliga hast du viel Zeit." In England hingegen, so Hleb, würde Hochgeschwindigkeitsfußball gespielt: "Da geht es wusch, wusch, wusch - alles unglaublich schnell."

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